KAPITEL EINS
ORKA
Im Jahr 297 von Friðaröld, Zeitalter des Friedens
»Der Tod ist ein Teil des Lebens«, flüsterte Orka ihrem Sohn ins Ohr.
Obwohl Breca mit dem Eschenspeer in seiner kleinen verkrampften Faust weit ausholte und auf das Rentier vor ihnen zielte, sah sie das Zögern in seinen Augen, bemerkte es an seinem verbissenen Kiefer.
Er ist zu weich für diese Welt des Schmerzes, dachte Orka. Sie wollte ihn schelten, doch eine Hand legte sich auf ihren Arm. Neben Brecas kleiner Faust war sie riesig und rau, im Gegensatz zu der weichen Haut des Jungen.
»Warte.« Thorkel stieß eine Atemwolke durch seinen geflochtenen Bart. Er stand neben ihr, groß und fest wie ein Fels.
Orkas Wangenmuskeln arbeiteten, und ihr lag eine harte Zurechtweisung auf der Zunge.
In dieser brutalen Welt braucht es deutliche Worte.
Aber sie blieb stumm.
Die Frühlingssonne sandte helle Tupfer durch die sanft schwankenden Zweige in Richtung Boden und funkelte auf vereisten Schneeflecken; der letzte Raureifkuss des Winters in diesem waldigen Bergland in eisiger Höhe. Ein Dutzend Rentiere äste auf einer Lichtung. Die Herde aus Kühen und Kälbern wurde von einem Bullen mit einem gewaltigen Geweih bewacht, während sie in Ruhe fraßen und Moos und Flechten von Bäumen und Felsbrocken kratzten.
Brecas Blick veränderte sich plötzlich, er holte tief Luft und hielt den Atem an, bevor er förmlich explodierte. Er drehte die Hüfte, und sein Arm schoss nach vorn. Das scharfe Eisen des Speers teilte zischend die Luft, und Stolz erfüllte Orkas Brust. Es war ein guter Wurf; schon in dem Augenblick, als sich Brecas Hand vom Speer löste, wusste sie, dass er sein Ziel treffen würde.
Doch im selben Herzschlag blickte das Rentier, auf das Breca seinen Speer schleuderte, von dem Stamm auf, an dem es Flechten gekaut hatte. Seine Ohren zuckten, und mit einem Satz sprang es vorwärts. Der Rest der Herde reagierte sofort. Die Tiere setzten über Baumstämme hinweg und flüchteten tiefer in den Wald. Brecas Speer schlug in den Baumstamm und blieb mit zitterndem Schaft stecken. Einen Moment später hörte man das Krachen von Zweigen aus östlicher Richtung, und eine Gestalt brach durch das Unterholz. Ein riesiges Tier mit schieferfarbenem Fell und langen Krallen stürmte auf die Lichtung. Die Rentiere flohen in alle Richtungen, als das Raubtier zwischen sie sprang, ohne jedoch auch nur auf sie zu achten. Blut quoll aus einer Reihe von Wunden, Geifer schimmerte auf den langen Zähnen, und seine rote Zunge hing ihm aus dem Maul. Im nächsten Moment war es im dämmrigen Wald verschwunden.
»Was … Was war das?« Brecas fragender Blick wanderte zwischen Vater und Mutter hin und her.
»Ein Woelven.« Thorkel lief los, denn an Verstohlenheit war jetzt nicht mehr zu denken. Er drängte sich durch die Zweige des Dickichts auf die Lichtung, den schweren Speer in der Faust. Orka und Breca folgten ihm. Thorkel ging auf ein Knie, zog mit den Zähnen einen Handschuh aus, tauchte die Finger in das Blut des Wolfs und fuhr damit über seine Zungenspitze. Er spuckte aus, richtete sich auf und folgte der Blutspur zum Rand der Lichtung. Dort blieb er stehen und spähte in die Dunkelheit.
Breca ging zu seinem Speer, dessen Blatt bis zur Hälfte in den Stamm einer Kiefer eingedrungen