Kapitel 1
Eleanor-Rigby
Oktober 2016, London
Ich heiße Eleanor-Rigby Donovan.
Mein Vorname sagt Ihnen vielleicht etwas. Meine Eltern waren Fans der Beatles.Eleanor Rigby ist der Titel eines Songs von Paul McCartney.
Mein Vater hasst es, wenn ich ihn darauf hinweise, dass seine Jugend im vorigen Jahrhundert stattgefunden hat, aber in den 1960er-Jahren teilten sich die Rockfans in zwei Lager, entweder war man für die Rolling Stones oder für die Beatles. Aus einem mir unerfindlichen Grund war es schlicht nicht vorstellbar, beide zu mögen.
Meine Eltern waren siebzehn, als sie das erste Mal in einem Londoner Pub miteinander flirteten. Alle Augen waren auf einen Fernsehbildschirm gerichtet, um die Übertragung eines Beatles-Konzerts zu verfolgen, und der ganze Saal stimmte dazuAll You Need Is Love an. Siebenhundert Millionen Fernsehzuschauer begleiteten ihre aufkeimenden Gefühle. Das dürfte wohl ausreichen, um den Grundstein für eine dauerhafte Lovestory zu legen.
Und dennoch verloren sie sich einige Jahre später aus den Augen. Doch da das Leben voller Überraschungen ist, begegneten sie sich mit knapp dreißig unter recht komischen Umständen wieder. Ich wurde dreizehn Jahre nach ihrem ersten Kuss gezeugt. Sie hatten sich Zeit gelassen.
Da mein Vater einen schier grenzenlosen Sinn für Humor hat – in der Familie wird erzählt, damit habe er meine Mutter verführt –, entschied er sich bei der Eintragung meiner Geburt dafür, mich Eleanor-Rigby zu nennen.
»Diesen Song haben wir in Endlosschleife gehört, als wir an dir gearbeitet haben«, vertraute er mir eines Tages zu seiner Rechtfertigung an.
Ich verspürte nicht die geringste Lust, Details über eine Situation zu erfahren, die ich mir ebenso wenig vorstellen wollte. Ich könnte jedem, der es hören möchte, erzählen, meine Kindheit sei schwierig gewesen, doch das wäre eine Lüge, und ich konnte noch nie gut lügen. Meine Familie ist so dysfunktional wie jede Familie. Und auch hier gibt es zwei Lager: die einen, die es akzeptieren, und die anderen, die so tun als ob. Dysfunktional, aber fröhlich, manchmal fast zu fröhlich. In meiner Familie gibt es den festen Willen, alles auf die leichte Schulter zu nehmen, selbst wenn es sich um Schicksalsschläge handelt. Und das hat mich, zugegebenermaßen, oft rasend gemacht. Meine beiden Eltern haben stur jeweils dem anderen dieses Körnchen Verrücktheit zugeschoben, das bei den Mahlzeiten und an den Abenden keimte und meine Kindheit ebenso bestimmte wie auch die meines großen Bruders (er kam zwanzig Minuten vor mir zur Welt) und die meiner jüngeren Schwester Maggie.
Maggie, siebter Song der A-Seite des AlbumsLet It Be, hat ein so großes Herz, dass es nicht einmal in die Hand eines Riesen passen würde, sie hat einen starken Charakter und ist auch eine Egoistin ohnegleichen, wenn es sich um kleine Alltäglichkeiten handelt. Das passt jedoch durchaus zusammen. Wenn man ein echtes Problem hat, ist sie immer zur Stelle. Weigerst du dich, um vier Uhr morgens zu zwei Kumpeln ins Auto zu steigen, die zu viel getrunken haben, um noch fahrtüchtig zu sein, schnappt sie sich die Autoschlüssel von Dads Austin, holt dich im Schlafanzug am anderen Ende der Stadt ab und fährt auch noch deine Kumpel nach Hause, nachdem sie ihnen eine Standpauke gehalten hat, selbst wenn die zwei Jahre älter sind als sie. Versucht man hingegen, ihr beim Frühstück einen Toast vom Teller zu stibitzen, werden sich deine Unterarme noch lange daran erinnern, und man braucht auch nicht darauf zu hoffen, dass sie etwas Milch für die anderen übrig lässt. Warum meine Eltern sie immer wie eine Prinzessin behandelt haben, bleibt mir ein ewiges Rätsel. Mum brachte ihr eine krankhafte Bewunderung entgegen, ihr kleines Nesthäkchen sollte große Dinge vollbringen. Maggie würde Rechtsanwältin oder Ärztin werden, vielleicht sogar beides, sie würde Witwen und Waisen retten, den Hunger in der Welt ausrotten … kurz, sie war der Liebling, und die ganze Familie sollte über ihr Wohl wachen.
Mein Zwillingsbruder heißt Michel, siebter Song der A-Seite vonRubber Soul, auch