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LILY
48.
Mir dreht sich der Magen um. Es ist ein Pawlow’scher Reflex, der jedes Mal einsetzt, wenn ich auf meinen Kalender blicke. Diese weißen Quadrate erinnern an ein Sudoku. Bei jedem Tag steht ganz unten eine Zahl, geschrieben mit demselben schwarzen Filzstift mit Gummi am Griff, damit er sich besser halten lässt – ein Stift, wie ihn auch Kinder beim Schreibenlernen benutzen.
Achtundvierzig Tage bis zu meinem Geburtstag. Die große Siebzig.
Da ist keine kindische Vorfreude in mir. Genau das Gegenteil. Obergrenze. Das ist der Ausdruck, den sie gern benutzen. Er geht viel leichter über die Lippen als »nicht mehr zu einer Behandlung berechtigt«. Elaine hat Achtzigjährige früher immer mit einer fast ausgestorbenen Tierart verglichen. Die arme Elaine. Sie hat es nicht bis zu ihrem Achtzigsten geschafft. Es begann mit einer gewöhnlichen Erkältung, und im nächsten Augenblick hatte sie eine Lungenentzündung. Ich schätze, es gibt schlimmere Arten zu sterben. Aber ich vermisse sie. Hier drinnen kam sie einer Freundin noch am nächsten. Sie war die Einzige, die mit mir auf einer Wellenlänge war.
»Stimmt haargenau, Lily«, sagte sie mal an einem Nachmittag zu mir, während sie meine Reihe an kleinen weißen Quadraten betrachtete. »Unsere Tage sind definitiv gezählt.«
Nachdem ich den Filzstift zurück in den Clip geklemmt habe, schlüpfe ich mit den Handgelenken in die Halterungen und rolle die Gehhilfe vor mich. Erst schiebe ich den rechten Fuß vor, dann den linken, und bleibe stehen. Ich wiederhole diese Abfolge, immer und immer wieder, während ich mich langsam über den Teppich bewege. Es ist mühevoll, selbst in diesem jämmerlichen Tempo, und ich spüre die Feuchtigkeit, die sich unter meinen Achseln sammelt. Elf schlurfende Schritte, und ich habe die Tür erreicht. Ich hebe mein Handgelenk, und der Sensor leuchtet. Das Schloss öffnet sich mit einem dumpfen Klicken. Freiheit.
Ich wende mich nach links, finde meinen eigenen langsamen Rhythmus: schieben, schlurfen, schieben, schlurfen. Bevor sich meine Knorpel aufgelöst haben, bin ich immer im Laufschritt unterwegs gewesen. Ich bin nie normal gegangen, ich bin stramm marschiert. Es war eine Umstellung. Anfangs habe ich es ignoriert und einfach so weitergemacht, trotz der Schmerzen. Ein paarmal bin ich gestürzt. Doch jetzt habe ich meine Beschränkungen akzeptiert. Ein weiterer Knochenbruch, und sie werden mich nicht mehr operieren: Ich bin der Obergrenze zu nah. Und ich habe gesehen, was passieren kann, selbst bei kleineren Frakturen. Knochenentzündungen sind schlimm. Sie verheilen nie. Nicht ohne Behandlung.
Ein Wandspender stößt eine Wolke künstliches Jasminaro