3. Kapitel
Wiesbaden, 25. November 1956
Maria saß in ihrer Garderobe des Wiesbadener Staatstheaters vor einem mit vielen Lampen umgebenen Spiegel und betrachtete ihr Gesicht. Sie war blass, ihre hellgrauen, großen Augen waren von langen Wimpern umrandet, ihre Wangen schmal, ihr Hals wirkte wie der eines Schwans. Ihr dunkles Haar hatte sie zu einem Dutt gebunden. Sie schien zerbrechlich, ihre Haut wie Porzellan. So sollte eine Ballerina aussehen. Zierlich, fast schon kindlich, ohne weibliche Rundungen. Heute lag jedoch Traurigkeit in ihrem Blick, sie fühlte sich leer und ausgebrannt.
Die Nachmittagsproben waren gerade zu Ende gegangen. In diesem Jahr stand wieder einmalDer Nussknacker auf dem Programm für das Weihnachtsmärchen. Sie mochte das Stück, spielte gern die Rolle der Clara in Tschaikowskis bunter Welt der Fantasie. Doch eben war sie unachtsam gewesen und von George, dem Choreografen des Ensembles, zurechtgewiesen worden. Sie wusste, warum ihr der Fehler passiert war, und spürte die aufsteigenden Tränen. Ihr Blick wanderte zu der auf ihrem Tisch stehenden Fotografie, die sie gemeinsam mit Katinka Federowna zeigte. Ihrer Lehrmeisterin und Freundin, ihrer Wegbegleiterin, die von der ersten Sekunde ihres Daseins als Ballerina an ihrer Seite gestanden und ihr Sicherheit vermittelt hatte. Die Aufnahme war während ihrer Ausbildung an der renommierten Bolschoi-Ballettschule in Moskau entstanden. Dort war Katinka Ausbilderin gewesen. Sie sah nicht wie eine Frau von Mitte vierzig aus, eher wie ein junges Mädchen. Jedoch täuschte der äußerliche Eindruck. Ihre Stimme war hart – wie sie selbst. Sie duldete keine Schwäche, ihre Regeln waren strenger als die der anderen Ausbilder. Wer in ihrem Kurs bestehen wollte, kannte nur ein Wort: Disziplin. Es gab nur den Tanz. An etwas anderes durfte nicht gedacht werden. Wer ein Privatleben mit Freunden wollte oder gar von der Liebe träumte, war bei ihr fehl am Platz. Maria hatte viele scheitern sehen. Mädchen, die weinend aus dem Tanzsaal rannten, die sich die Seele aus dem Leib kotzten, um dem strengen Gewichtsprotokoll gerecht zu werden. Die russischen Winter waren kalt und grau, sie hatte sich häufig einsam in dieser von Perfektion bestimmten Welt gefühlt. Katinka hatte sie wie Dreck behandelt, sie gequält und schikaniert. Sie hatte härter und länger arbeiten müssen als alle anderen Ballettschülerinnen. Katinka hatte etwas in ihr gesehen. »Du hast Talent«, hatte sie beim ersten Vortanzen zu ihr gesagt. »Vergeude es nicht.«
Der harte russische Akzent in ihrer Stimme, ihre immer gleichen Anweisungen, ihr Blick, der keine Milde zuließ. Wie hatte sie sie lieben lernen können? Oder hatte sie Katinka nicht schon immer geliebt? Vom ersten Moment an. Sie war der schöne Schwan gewesen, der Maria hatte sein wollen. Sie war die Ballerina gewesen, die sich dezent verneigte und ihr, dem kleinen Mädchen, das sich heimlich ins Theater gestohlen hatte, zulächelte. Es war das erste Lächeln, das sie ihr geschenkt hatte, lange hatte sie auf ein weiteres warten müssen.
Doch es war geschehen, und sie waren zu einer Einheit geworden. Maria hatte manchmal das Gefühl gehabt, Katinka kenne sie besser als sie sich selbst. Jeder Schritt, jede Geste, jede Stimmung. Es schien, als würde sie in ihr wie in einem offenen Buch lesen. Katinka kannte sie besser als ihre eigene Mutter – die Frau, die gemeinsam mit ihrem Vater tagein, tagaus in der Apotheke