Kapitel 1
Herbst 1944 in Niederbayern
Es war Ende Oktober, und eine wärmende Sonne tauchte die niederbayerische Landschaft in ein herrlich goldenes Licht. Fast hätte man vergessen können, wie schrecklich die Zeiten waren. Doch nur fast.
Marianne fuhr auf dem klapprigen Fahrrad ihres Vaters den holperigen Feldweg entlang. Das siebzehnjährige Mädchen kam vom Bauernhof ihrer Tante zurück in ihren kleinen Heimatort Osterhofen. Berta hatte sie mit Lebensmitteln versorgt. Ein paar Kartoffeln, Wasserrüben, Birnen, ein Stück Speck und Butter, die Berta nachts heimlich mit dem Butterfass zubereitete, das Mariannes Vater Martin ihr unter der Hand hatte zukommen lassen.
Marianne hatte das kostbare Bündel unter ihrem Mantel verborgen. Durch die Wärme und von der Anstrengung der Fahrt schwitzte sie inzwischen ordentlich, und sie hatte Sorge, dass die Butter, die zwar vorsorglich in ein nasses Tuch und dann in Pergament eingeschlagen war, schmelzen könnte. Als sie an einem kleinen Bach unter schattigen Bäumen vorbeikam, legte sie eine kurze Rast ein. Sie lehnte das Rad gegen eine Weide und stieg eine kleine Böschung hinab. Dort nahm sie ihren Mantel und den schweren Stoffbeutel ab und verwahrte zur Sicherheit alles hinter einem Busch.
Danach zog sie auch das Kopftuch herunter, unter dem sie ihr langes blondes Haar zu einem dicken Zopf geflochten trug. Das klare Wasser war eiskalt, und es war eine Wohltat, ihre Unterarme und den Nacken zu kühlen.
Als sie aufsah, entdeckte Marianne wilden Baldrian, der neben dem Bach wuchs. Und so nutzte sie die Gelegenheit, um Wurzeln der Heilpflanze auszugraben, die sie dem Apotheker bringen würde. Dafür bekäme sie wiederum Medizin gegen die Rückenschmerzen, die ihren Vater so sehr plagten.
Sie schüttelte soeben die Erde von einer Handvoll Wurzeln ab, als sie schräg hinter sich ein Geräusch hörte. Als sie sich umdrehte, stand nur wenige Schritte entfernt ein junger Mann in einfachen Arbeitskleidern. Erschrocken ließ sie die Wurzeln fallen, stand auf und wollte davonlaufen.
»Ich wollte dich nicht erschrecken! Hab keine Angst!«, sagte er mit französischem Akzent und hob beschwichtigend die Hände. »Ich tu dir nichts! Wirklich.«
Sie blieb stehen.
»Und wie soll ich wissen, dass du nicht lügst?«, fragte Marianne misstrauisch und wunderte sich selbst, woher sie den Mut nahm. Nur allzu oft hörte man grausame Geschichten von Frauen und jungen Mädchen, denen Gewalt angetan wurde.
Der Fremde legte den Kopf etwas zur Seite, und ein leises Lächeln huschte über sein Gesicht, das seine dunkelblauen Augen funkeln ließ. Mit einem Mal sah er sehr viel jünger aus, kaum älter als sie selbst.
»Das kannst du natürlich nicht wissen«, sagte er.