: Eve Chase
: Das Geheimnis des Sturmhauses Roman
: Blanvalet Taschenbuch Verlag
: 9783641259839
: 1
: CHF 8.90
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: German
: 416
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ein abgelegenes Herrenhaus tief in den Wäldern von England. Ein kleines Mädchen, das wie aus dem Nichts auftaucht. Und ein Geheimnis, das seinen Schatten bis in die Gegenwart wirft ...

Forest of Dean, 1971: Als die Familie Harrington tief in den Wäldern von Foxcote Manor ein Baby entdeckt, das jemand dort ausgesetzt hat, beschließen sie, es als ihr eigenes aufzuziehen. Das kleine Mädchen scheint der Familie das verloren geglaubte Glück zurückzubringen, doch dann wird wenige Tage später ein Toter auf dem Gelände des Hauses gefunden und neue Abgründe tun sich auf ...
London in der Gegenwart: Die 46jährige Sylvie versucht, nach einer Scheidung neu anzufangen. Sie ahnt nicht, dass ein unerwarteter Vorfall sie nach Foxcote Manor zurückführen wird. Kann sie Licht in die Ereignisse von damals bringen, auch wenn es ungeahnte Folgen für sie haben könnte?

Eve Chase wollte schon immer über Familien schreiben – solche, die fast untergehen aber irgendwie doch überleben – und über große, alte Häuser, in denen Familiengeheimnisse und nicht erzählte Geschichten in den bröckelnden Steinmauern weiterleben. Eve Chase ist verheiratet und lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Oxfordshire.

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Rita, Forest of Dean, 4. August 1971


Dieser Wald wird sie alle verschlingen, denkt Rita. Alles hier ist in ein geheimnisvolles grünliches Licht getaucht, und im starken Wind schlagen Zweige gegen die Wagenfenster. Sie umklammert das Lenkrad fester. Die Fahrbahn wird immer schmaler. Während sie darüber nachdenkt, ob sie die Abzweigung zum Haus womöglich bereits verpasst hat, fährt sie zu rasant in die Kurve und tritt dann mit voller Wucht in die Bremse. Sie sind da.

Sie schnappt nach Luft und reißt hinter der insektenbefleckten Windschutzscheibe des Morris Minor die Augen auf. Sie ist sich nicht sicher, was sie erwartet hatte. Etwas Gepflegteres. Etwas, das den Harringtons mehr entsprach. Aber doch nichtdas da.

Hinter einem mächtigen, rostigen Tor erhebt sich aus dem Gestrüpp Foxcote Manor, als hätte eine Gesteinsverwerfung es aus dem Waldboden geschoben. Eine angeschlagene Schönheit. Die Stabwerkfenster des alten Anwesens schimmern im getüpfelten Abendlicht. Riesige Bäume überragen das rote Ziegeldach, das in der Mitte leicht durchhängt, sodass die Schornsteine in seltsam schiefen Winkeln davon abstehen. An der Fassade aus Holz und Backstein rankt sich üppig und dicht Efeu empor, der von einem Schleier aus summenden Bienen umschwirrt wird und aus dem immer wieder winzige Vögel hervorgeschossen kommen. Was Rita sieht, unterscheidet sich eklatant vom eleganten Stadthaus der Harringtons.

Einen Moment lang sagt keiner im Wagen ein Wort. Irgendwo in den Bäumen klopft ein Specht. Schweiß rinnt in Ritas linker Kniekehle hinab. Erst jetzt merkt sie, dass ihre Hände zittern.

Obwohl sie versucht hat, es so gut wie möglich vor Jeannie und den Kindern zu verbergen, hatte sofort eine schreckliche Nervosität sie überfallen, als sie, fast fünf Stunden nachdem sie London verlassen hatten, in die Forststraße eingebogen waren. Es war nicht bloß die Sorge, sie könnte ihren kostbaren Passagieren Schaden zufügen. Immer wieder beeinträchtigten die Bäume, die bis in den Himmel hochragen und ihn verdecken, tatsächlich die Sicht und ihre Orientierung, und sie weiß nur zu gut, wie hart so ein Baumstamm sein kann, wenn man mit achtzig Stundenkilometern dagegen prallt. Jetzt, da sie die Fahrt überlebt haben, schlägt sie erleichtert die Hand vor den Mund. Aber wie um alles in der Welt ist sie nurhier gelandet? In einem Wald. Ausgerechnet. Sie hasst Wald.

Eigentlich hätte es ein Job als Kindermädchen in London sein sollen.

Bis vor vierzehn Monaten war Rita noch nie in London gewesen. Doch sie hatte schon immer sehnsüchtig von diesem Ort geträumt, von der Rita, die sie dort sein könnte, weit weg von Torquay und von allem, was geschehen war. Und von einer Familie in der Großstadt hatte sie geträumt, die wie die Darlings aus »Peter Pan« wäre und sie wie ihresgleichen bei sich aufnehmen würde. Sie würden in einem großen, warmen Haus wohnen, in dem es keinen münzenfressenden Stromzähler gäbe wie in dem schrammeligen Bungalow ihrer Großmutter. Und sie hätte ein Zimmer für sich allein, mit einem Tisch und einem Regal, vielleicht sogar mit Blick auf die lebendige, aufregende Stadt. Und die Frau, für die sie arbeiten würde, wäre … nun ja, perfekt eben. Feinfühlig, freundlich und sanft. Kultiviert. Mit winzigen Ohrläppchen und flatternden, vogelzarten Händen. So wie ihre eigene Mutter, an die Rita nur verschwomme