: Christian Cantrell
: Der Zeitindex Thriller
: Heyne Verlag
: 9783641246815
: 1
: CHF 8.00
:
: Science Fiction
: German
: 432
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die nahe Zukunft. Ein mysteriöser Serienkiller hält die Welt in Atem, denn die einzige Spur sind seltsame Zahlen, die er auf den Körpern seiner Opfer hinterlässt. CIA-Agentin Quinn Mitchell wird auf ihn angesetzt, und schon bald führt ihre Spur sie zu einer schockierenden Entdeckung – denn der Killer scheint mehr über Quinn zu wissen als sie selbst. Plötzlich muss Quinn sich den Schatten ihrer eigenen Vergangenheit stellen …

Christian Cantrell studierte an der George Mason University in Washington und arbeitet als Softwareentwickler bei Adobe Systems. In seiner Freizeit widmet er sich dem Schreiben von Science-Fiction-Romanen. Der Autor lebt in North Virginia.

1

Agentin des Chaos


Bevor sie aufsteht, zieht Kira als Erstes ihre Beine an. Sie stehen in der Stehhilfe aus Stahl auf einer Ladematte neben dem Bett, und als die junge Frau sich aufrichtet, spannen sich ihre Rücken- und Schultermuskeln an. Die Nervenadapter in ihren Oberschenkeln justieren sich magnetisch an den Kontakten am Ende der Mulden aus Karbonfaser, und die Schnittstellen ziehen sich zusammen, bis die Verbindung stabil ist.

Irgendwo hat sie eine Kunsthaut, die sie darüberziehen kann, und wenn sie die Nahtstellen, an denen das texturierte Urethan und ihr Gewebe aufeinandertreffen, mit Shorts oder einem engen Rock kaschieren würde, sähe sie so aus, dass sie auf der Straße Begehren und Neid statt Neugier, Abscheu oder Mitleid erwecken würde.

Doch Kira lebt allein, deshalb bleiben die servomechanischen Gliedmaßen unkaschiert, und ihre Kleidung beschränkt sich auf Unterwäsche, Tanktop und die Metabrille im Pilotenstil. Ihre Zuflucht in der Penthouse-Suite des verdrehten und langsam rotierenden Infinity Moscow Tower hat sie seit fast vier Jahren nicht mehr verlassen. Sie hat keinen Grund, sich auch nur die Zähne zu putzen oder beim Pinkeln die Badezimmertür zu schließen.

Kira arbeitet nachts. Ihr Arbeitsplatz ist ihre Wohnung, und ihre Werkzeuge sind Instrumente der Täuschung und der Konspiration. Proxys verbergen ihreIP-Adresse und verweisen auf ihre zahlreichen Identitäten. Ihr Aufenthaltsort lässt sich vor der Außenwelt verbergen, doch Echtzeitinteraktion lässt sich nicht fälschen, weshalb Kira nachtaktiv geworden ist. Ihr Boss bezeichnet sie als »Triebkraft des Wandels«, doch das ist eine Verdrehung der Tatsachen. Sie ist eine Triebkraft des Chaos.

Ihre Abendroutine beginnt damit, dass sie Tee macht. Sie schaltet den Wasserkocher in der Küche ein, und während sie wartet, bis das Wasser kocht, setzt sie sich hin, um den Monitor an ihrem Handgelenk einer Schnellladung zu unterziehen. Das Gerät lässt sich nicht entfernen, sodass sie es an Ort und Stelle laden muss. Sie verschränkt die Finger und beugt sich vor, beide Arme flach auf die Matte gelegt. Ein Blitz-Symbol taucht am Rand ihres Gesichtsfelds auf und zeigt an, dass ihre Brille über das biomagnetische Feld aufgeladen wird.

In die Ladematte sind Schichten einander überlappender Drahtspulen eingearbeitet, die warm, aber nicht heiß werden sollen, und als es verbrannt riecht und ein leiser Knall zu hören ist, schnellt sie hoch und weicht zurück. Ihr wird klar, dass es einen Kurzschluss gegeben hat. Mit einem Fußtritt löst sie sofort das Kabel aus der Steckdose, eilt zur Spüle und hält den Arm unter den kalten Wasserstrahl.

An der Innenseite des Unterarms haben sich bereits rundliche rote Quaddeln gebildet. Es tut weh, aber sie ist Schm