: Jinkang Wang
: Die Kolonie Roman
: Heyne Verlag
: 9783641272821
: 1
: CHF 3.60
:
: Science Fiction
: German
: 480
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
1971, Provinz Henan, Zentralchina. Die Kulturrevolution hat das Land in einen blutigen Taumel gestürzt. Zusammen mit Millionen anderen wird die Studentin Guo Qiuyun zur Umerziehung auf eine Farm geschickt. Dort begegnet sie ihrer Jugendliebe Yan Zhe wieder, und gemeinsam fassen sie einen ehrgeizigen Plan: Sie wollen ein geheimes Ameisenserum an den Menschen testen, um sie kooperativer zu machen und den blutigen Wirren ein Ende zu setzen …

Wang Jinkang, Jahrgang 1948, ist zusammen mit Cixin Liu und Han Song einer der »Großen Drei« der chinesischen Science-Fiction. Er hat jahrelang als Ingenieur und Entwickler in der Ölförderindustrie gearbeitet, bis er mit seinen ersten Kurzgeschichten über Nacht berühmt wurde. Seitdem hat Wang Jinkang mehr als 15 Romane und über 80 Erzählungen verfasst, für die er so vielen Preisen wie kaum ein anderer chinesischer Autor ausgezeichnet wurde.

2.


DIE WISSENSCHAFT VON DEN AMEISEN

Yan Zhe entstammte einer der vier einflussreichsten alteingesessenen Familien von Beiyin. Zu ihrer Blütezeit besaß die Familie Yan rund tausendMu, also an die siebzig Hektar Land. Nach der Gründung der Volksrepublik China wurde ihr ländlicher Grund- und Immobilienbesitz restlos beschlagnahmt. Ihre städtischen Immobilien dagegen galten als Betriebsvermögen und hätten den offiziellen politischen Leitlinien zufolge eigentlich im Familienbesitz verbleiben sollen. Tatsächlich jedoch verloren die Yans auch den Großteil dieses Besitzes: Ihre Häuser wurden ohne jede Entschädigung von diversen kleineren staatlichen Organisationen wie der lokalen Ein- und Verkaufsgenossenschaft, der Kreditgenossenschaft und dem Büro des Nachbarschaftskomitees in Beschlag genommen. Faktisch wurden also auch diese Besitztümer konfisziert. Am Ende blieb den Yans nichts als ein großer Hof am Stadtrand, den die Familie ursprünglich einmal als Maulbeergarten genutzt hatte: eine bis auf ein paar Strohhütten weitgehend unbebaute Fläche voller Maulbeerbäume, umgeben von einem niedrigen Lehmwall. Weil die Alten in der Familie bereits verstorben waren und die mittlere Generation sich größtenteils im Ausland niedergelassen hatte, hatte dieser Hof langeleer gestanden und sich in ein Paradies für uns spielende Nachbarskinder verwandelt.

Yan Zhes Vater Yan Fuzhi war in jungen Jahren zum Studium nach England gegangen und hatte sich als Entomologe in der internationalen Fachwelt einen Namen gemacht. Nach der Gründung der Volksrepublik China war er in sein Vaterland zurückgekehrt und hatte an einer renommierten Pekinger Universität eine Professur angetreten. Seine alte Heimatstadt hatte er in diesen Jahren kaum einmal besucht. 1957 jedoch, während der Kampagne gegen Rechtsabweichler, wurden einige seiner Äußerungen als »bösartige Attacken« auf die revolutionäre Gesinnung angeprangert: Man dürfe, so hatte er kritisiert, »nicht aufgrund von politischen Kriterien die Vererbungslehre von Mendel und Morgan unterdrücken«; die sowjetische Lehre vonMitschurin und Lyssenko sei »nichts als eine politische Missgeburt« und Lyssenko selbst »ein Scharlatan reinsten Wassers«. Mehr noch: »Eine Wissenschaft, der man die Freiheit genommen hat, wird ersticken.«

Diese Aussagen hätten eigentlich genügt, um ihn zum »Ultrarechten« abzustempeln. Glücklicherweise legte ein hoher Kader ein gutes Wort für ihn ein: Während des Koreakriegs habe sich Yan als Insektenkundler darum verdient gemacht, die bakteriologische Kriegsführung der amerikanischen Imperialisten aufzudecken. In der Folge wurde er nicht mehr als »rechtes Element« gebrandmarkt, sondern nur noch als »rechtes Objekt« und samt Familie in seine alte Heimat geschickt.

Nachdem er auf den verwaisten Hof zurückgekehrt war, erzählten mir die Erwachsenen in meinem Umfeld von seiner Einstufung als »rechtes Ob