2.
DIE WISSENSCHAFT VON DEN AMEISEN
Yan Zhe entstammte einer der vier einflussreichsten alteingesessenen Familien von Beiyin. Zu ihrer Blütezeit besaß die Familie Yan rund tausendMu, also an die siebzig Hektar Land. Nach der Gründung der Volksrepublik China wurde ihr ländlicher Grund- und Immobilienbesitz restlos beschlagnahmt. Ihre städtischen Immobilien dagegen galten als Betriebsvermögen und hätten den offiziellen politischen Leitlinien zufolge eigentlich im Familienbesitz verbleiben sollen. Tatsächlich jedoch verloren die Yans auch den Großteil dieses Besitzes: Ihre Häuser wurden ohne jede Entschädigung von diversen kleineren staatlichen Organisationen wie der lokalen Ein- und Verkaufsgenossenschaft, der Kreditgenossenschaft und dem Büro des Nachbarschaftskomitees in Beschlag genommen. Faktisch wurden also auch diese Besitztümer konfisziert. Am Ende blieb den Yans nichts als ein großer Hof am Stadtrand, den die Familie ursprünglich einmal als Maulbeergarten genutzt hatte: eine bis auf ein paar Strohhütten weitgehend unbebaute Fläche voller Maulbeerbäume, umgeben von einem niedrigen Lehmwall. Weil die Alten in der Familie bereits verstorben waren und die mittlere Generation sich größtenteils im Ausland niedergelassen hatte, hatte dieser Hof langeleer gestanden und sich in ein Paradies für uns spielende Nachbarskinder verwandelt.
Yan Zhes Vater Yan Fuzhi war in jungen Jahren zum Studium nach England gegangen und hatte sich als Entomologe in der internationalen Fachwelt einen Namen gemacht. Nach der Gründung der Volksrepublik China war er in sein Vaterland zurückgekehrt und hatte an einer renommierten Pekinger Universität eine Professur angetreten. Seine alte Heimatstadt hatte er in diesen Jahren kaum einmal besucht. 1957 jedoch, während der Kampagne gegen Rechtsabweichler, wurden einige seiner Äußerungen als »bösartige Attacken« auf die revolutionäre Gesinnung angeprangert: Man dürfe, so hatte er kritisiert, »nicht aufgrund von politischen Kriterien die Vererbungslehre von Mendel und Morgan unterdrücken«; die sowjetische Lehre vonMitschurin und Lyssenko sei »nichts als eine politische Missgeburt« und Lyssenko selbst »ein Scharlatan reinsten Wassers«. Mehr noch: »Eine Wissenschaft, der man die Freiheit genommen hat, wird ersticken.«
Diese Aussagen hätten eigentlich genügt, um ihn zum »Ultrarechten« abzustempeln. Glücklicherweise legte ein hoher Kader ein gutes Wort für ihn ein: Während des Koreakriegs habe sich Yan als Insektenkundler darum verdient gemacht, die bakteriologische Kriegsführung der amerikanischen Imperialisten aufzudecken. In der Folge wurde er nicht mehr als »rechtes Element« gebrandmarkt, sondern nur noch als »rechtes Objekt« und samt Familie in seine alte Heimat geschickt.
Nachdem er auf den verwaisten Hof zurückgekehrt war, erzählten mir die Erwachsenen in meinem Umfeld von seiner Einstufung als »rechtes Ob