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An den Ursprung der Welt
Im Juni 2017 stand ich in einem klimatisierten Büro in der Amazonas-Kleinstadt São Gabriel da Cachoeira und starrte auf einen Felsen. Ich sah ihn am Ufer eines Flusses stehen, er schien von beachtlicher Größe zu sein, und im Hintergrund erhob sich ein Wasserfall. Das Poster in den Diensträumen der indigenen Selbstverwaltung6 war schon alt, und seine Druckfarbe hatte sich grünlich verfärbt, aber die Oberfläche des fotografierten Felsens war deutlich zu erkennen. Zeichneten sich da Reliefspuren ab? Sollten das Schlangen, Schnecken oder Blumen sein? Was bedeuteten die vielen runden Punkte, die unbekannte Bildhauer, mal zu Gruppen sortiert, mal nebeneinander aufgereiht, in den Fels geschlagen hatten?
Mit etwas Fantasie konnte ich mir eine Sternenkarte vorstellen, vielleicht blickte ich aber auch auf ein überkommenes Kalender- oder Zählsystem. Der Bildunterschrift auf dem Poster war zu entnehmen, dass der Reliefstein am Ayari-Fluss steht, und von dem hatte ich schon viel gehört. Der Ayari ist ein gewundener Transport- und Reiseweg, der Hunderte Kilometer weit durch den tiefsten Amazonaswald führt. Die Bootsleute der Region meiden diesen Fluss, weil sie seine tückischen Felsen und unberechenbaren Stromschnellen fürchten, aber mit einem Kanu oder einem schmalen Boot kann man auf dem Ayari weit kommen.7 Der Weg führt von Brasilien bis nach Kolumbien, über den Äquator hinweg.
Das Foto des Felsens bannte meinen Blick, weil ich damals auf der Spur einer schwer glaubwürdigen Geschichte war. Der brasilianische Amazonasexperte und Dokumentarfilmer Davilson Brasileiro hatte mich nach São Gabriel gelockt und allerlei fantastische Versprechungen gemacht. Er erzählte von einer uralten Zaubererfamilie, die tief im Regenwald lebt und die wahlweise schwerste Krankheiten heilen oder mit bloßer Gedankenkraft ihre Feinde töten kann.
Ich hatte mit Davilson schon seit 2013 mehrere große Regenwald-Expeditionen unternommen, erst für dasZEIT-Magazin und dann für ein Buch mit dem TitelDer letzte Herr des Waldes8, das den Widerstandskampf eines jungen indigenen Kriegers dokumentiert. Jetzt wollte Davilson unbedingt diese Zauberer treffen. Er berichtete von greisen Schamanen, Malirinai genannt, die aus Amazonaspflanzen eine der stärksten Psychodrogen der Welt herstellen. Er sprach von Goldschätzen, blutigen Initiationsriten und ungeklärten Todesfällen im Regenwald.
Ach ja, und außerdem hätten Archäologen am Ursprungsort dieses geheimnisvollen Volkes, an einem Amazonasfluss namens Ayari, jahrtausendealte Reliefzeichnungen und Höhlenmalereien entdeckt. Die Symbole könnten sie nicht recht entziffern und ihre Herkunft nicht genau erklären. Die Malirinai sagen, dass es Wegweiser der Götter für ihre Seelenreisen sind.
Mir klang das zu sehr nach einem kitschigen Fantasyroman. Aber immerhin schien es solche Felsen zu geben.
Die Aussicht auf eine Begegnung mit dieser alten Amazonaskultur interessierte mich aber noch unter anderen Gesichtspunkten. In den vergangenen Jahren hat sich die Zerstörung des Regenwalds erneut dramatisch beschleunigt. 2019 und 2020 gingen erschreckende Bilder von Großbränden am Amazonas um die Welt: von Flammenmeeren im Regen