Sonntag
Pumpender Schmerz. Eigentlich mit jedem Herzschlag ein paar Gramm mehr. Ich wache auf mit diesen wirren Erinnerungen, von denen man nicht weiß, ob sie Fantasie, Realität oder irgendeine verklebte Mischform sind. Ich habe keine Ahnung, wie ich ins Bett gekommen bin. Ich schwitze und friere. Zwischen den Schmerzschüben im Kopf versuchen ein paar hilflose Gedanken, Klarheit zu schaffen. Es gelingt ihnen nicht, diesen kleinen müden Gedanken, aber sie rotieren unermüdlich. In meinem Mund herrscht totale Trockenheit, die Sonne scheint brutal in mein Kinderzimmer.
Ich bemühe mich weiter, etwas Ordnung in die Ereignisse zu bringen. Der Schmerz stört, genau wie der Drang, jetzt unbedingt kotzen zu müssen. Ich werfe die Bettdecke zur Seite, Beschleunigung, Badezimmer. Ein Lied hallt durch meinen Schädel. Tausend Stimmen. »Kümmerling, Kümmerling, nette Menschen trinken gerne Kümmerling.« Kräuterschnaps. Currywurst. Küsse, Kippen, Klodeckel. Aufreißen. Auf die Knie. Würdelosigkeit in jeder meiner Bewegungen. Aber der Einzige, der sich zu erbarmen hat, bin ich – und zwar vor mir selbst. Es tritt hervor. Mein Verstand tritt ganz nach hinten. Grün-gelb-rosa, graubraunsaftig, zähflüssig kommt Halbverdautes zum Vorschein, viel Flüssigkeit. Ich bin ganz außer Atem, als wäre das hier Sport. Zugabe, Zugabe. Röcheln, röcheln. Angeekelt von mir selbst schaue ich meinen ungesunden Ernährungsgewohnheiten hinterher. Schwindel. Der Schmerz hört nicht auf. Ist jetzt noch intensiver. Wenn man nicht wüsste, dass man nicht daran stirbt, würde man denken, man stirbt daran. Als nichts mehr kommt, sinke ich am Keramikfuß der Toilette hinab. Ich lege meinen Kopf auf die Fliesen, genieße ihre Kälte. Schließe die Augen. Ich erinnere mich daran, dass meine Mutter in einer Küchenschublade Schmerztabletten aufbewahrt, zumindest war das früher so. Ich stelle mir vor, wie ich aufstehe, mich an der Wand entlang zur Treppe hangele, langsam runterlaufe, die Küche betrete, die Schublade aufreiße und dort ein paar dieser Schmerztabletten finde, drei davon in ein großes Glas Wasser fallen lasse und zusehe, wie sie sich langsam zersetzen. Ich weiß genau, dass sie mir helfen werden, dass auch sie meinen Schmerz zersetzen werden. Ich stelle mir das vor und bleibe doch liegen. Keine Ahnung, wie lange. Zwischen zwei Schmerzschüben erhebe ich mich und verlasse das Bad, Wand entlang, Treppe runter, Küche, ich muss mich kurz setzen, alles viel zu anstrengend. Sitze da, am Küchentisch meiner Eltern, schaue mir ihre sorgenfreie, wunderschöne Küche an. Der Kühlschrank, der Einbauherd, die Spüle, Edelstahl und weiß, bis in die letzte Ecke blank geputzt. Und dazu ich, wie eine Beilage, die man nicht bestellt hat.
In der Schublade, in der ich die Schmerzmittel vermute, sind auf den ersten Blick keine zu erkennen. Ich räume ein paar Papiere zur Seite. Nichts, in der Schublade daneben auch nicht. Fensterbank: Fehlanzeige. Im oberen von drei Hängekörben erkenne ich dann doch die grün-weiße Packung. Kühlschrank auf, Wasser rein, mit der Zunge schiebe ich