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Feuer in der Nacht
Ich erinnere mich noch immer an den Geruch meines Vaters: Leder und Stahl. Das Wollfett in seinem Mantel, seiner Hose und auf den Klingen, das zwar wasserabweisend war, dafür aber nach Schaf stank. Das süße Heu im Stall und der alte Schweiß in den Satteldecken. Auch sein eigener Schweiß und sein herber, männlicher Geruch. Und manchmal auch der erschreckende Gestank in seinem Atem, die säuerliche Note von zu viel Bier und Wein.
An sein Gesicht kann ich mich kaum noch erinnern. Vielleicht will ich es auch nicht. Aber an seinen Geruch erinnere ich mich. Ich muss nur daran denken, und sofort bin ich wieder ein kleiner Junge.
Ich erinnere mich auch an seine Berührung, aber nur, weil sie so ungewohnt, so selten war. Die mächtige Hand, die mir das Haar zerzaust und es in Büscheln abstehen lässt. Der Granit seiner Brust in meinem Rücken, als er mir das erste Mal half, den Bogen zu spannen. Der herbe Geruch seines weichen Bartes, als er mir eines Abends am Herdfeuer zuflüsterte, meine Mutter sei die schönste Frau in ganz Benoic.
Weniger selten das Gefühl der scharfen, steinharten Fingerknöchel auf meiner Wange, die mein Ohr für den ganzen nächsten Tag taub und heiß zurückließen. Der Biss seines Gürtels, wenn ich sein Missfallen erregt hatte. Oder jemand anders. Der eiserne Griff seiner großen Hände um meinen Arm, das wilde Schütteln, das mein Hirn im Schädel erzittern ließ, und die tobende Gischt seiner wütenden Schreie in meinem Gesicht.
Seltsamerweise erinnere ich mich selbst im Chaos dieser einen Nacht sehr deutlich an das Gefühl seiner Hand. Seine raue Haut, die meine fest umklammerte. Eine breite, schwielige Zwinge, mit der er mich durch wabernden Qualm und flammenbefleckte Dunkelheit zerrte, denn unsere Feinde waren gekommen.
Ich war im Stall gewesen und hatte Malo gestriegelt, meines Vaters Hengst, der in solch finsterer Stimmung war, dass sich ihm außer mir niemand, nicht einmal Govran, nähern wollte. In jenem Winter war viel Schnee gefallen, der bis weit in den Frühling liegen blieb. Ein weißer Pelz über ganz Benoic, der die Menschen an ihren Herdfeuern, Vieh und Pferde in den Ställen hielt. Besonders einen Fürsten der Tiere und Liebling der Pferdegöttin Rhiannon brachte man nicht in Gefahr, indem man ihn ohne triftigen Grund einem Ritt bei Schnee aussetzte. Was Malo natürlich nicht einsah. Er maß fünfzehn Handbreit bis zum Widerrist und war hispanischer Abkunft – behauptete zumindest Govran. Malo war stark und schnell, herablassend und gefährlich. Heißes Blut in einem kalten Land. Und er langweilte sich. War frustriert von schierer Bewegungslosigkeit. Machte die Welt und die Götter und alle Menschen dafür verantwortlich, nur mich nicht.
Wie alle rassigen Hengste schien Malo der Ansicht, der beste Ersatz für Auslauf sei ein anständiger Kampf. »Der miese Teufel hat mir fast den Arm abgebissen, als ich ihm mit der Bürste zu Leibe rücken wollte«, hatte Govran noch auf der Türschwelle gesagt und sich dabei große Schneeklumpen von den Stiefeln geklopft, die auf den Grasmatten zu schmelzen begannen.
Govran war der erfahrene Stallmeister meines Vaters und liebte die Pferde mehr als die Menschen, seine