Einleitung
»Man braucht im Leben nichts zu fürchten, man muss es nur verstehen. Jetzt ist es an der Zeit, mehr zu verstehen, damit wir weniger fürchten.«
Marie Skłodowska-Curie
Die Welt steht am Sprungbrett. Vergnügt nimmt sie Anlauf und hüpft in das erfrischende Nass. Taucht ein in die schöne neue digitale Welt, in der alles Lästige von Algorithmen und Künstlichen Intelligenzen erledigt wird. Die Welt braucht sich nur noch um ihr Vergnügen zu kümmern. Energiekrise? Erledigt, dank hocheffizienter Solartechnik, rückstandsloser Atomreaktoren und künstlicher Bäume mit Fotosynthesetechnologie. Umweltkrise? Im Griff, da neue Energietechnik das Problem an der Wurzel packt und die Fortschritte in Schadstoff-Rezyklierung und Umwelttechnologie die angerichteten Schäden wieder ausmerzen, während staubkörnchengroße Sensoren durch Luft und Wasser schwirren und deren Qualität in Echtzeit überwachen. Es muss keiner mehr arbeiten, der nicht will. Keine Burn-outs und Bore-outs, keine Arbeitsunfälle, keine lästigen Arbeitszeiten. Ein bedingungsloses Grundeinkommen garantiert jedem Bürger diese Freiheit. Pflanzliche Nahrungsmittel wachsen in perfekt abgestimmten, automatisierten Farmen, tierische entstehen in ebenso automatisierten Laboren, ohne dass Tiere leiden. Beide landen über autonome Lieferung auf unseren Tellern, wann immer wir es wünschen. Und während wir in süßem Nichtstun auf der digitalen Welle floaten, brauchen wir uns nicht einmal vor Krankheiten zu sorgen. Denn Nano-Roboter patrouillieren durch unsere Körper und warnen uns frühzeitig, sollte etwas außer Kontrolle geraten. Falls doch einmal ein Körperteil schwächelt, können wir uns immer noch ein maßgeschneidertes Ersatzteil drucken lassen. Und unsere lästige, fehlerbehaftete Genetik wurde längst durch die Genschere optimiert.
Schöne neue Welt, also – oder?
Die Welt steht am Sprungbrett. Ängstlich blickt sie über den Rand, sie will nicht springen, aber von hinten kommt ein kräftiger Stoß. Doch im Becken ist kein Wasser. Der Aufschlag ist hart. Wir haben es verpasst, unsere Industrie nachhaltig zu gestalten, und die Wirklichkeit erfüllt alle Schreckensszenarien. Weite Teile des Planeten sind unbewohnbar geworden, verwüstet, abgesoffen, überhitzt. Eine nie da gewesene Völkerwanderung findet statt, auf der Flucht vor Hunger, Flut und Dürre. Sie verschärft die ohnehin rasant zunehmende Spaltung der Gesellschaft. In derThe-winner-takes-it-all-Ökonomie der digitalen Plattformen hat sich eine kleine Elite herausgebildet, die sich immer weiter von der Masse entfernt. Sie bestimmt, was die Menge zu sehen, zu lesen und zu kaufen bekommt. Während die meisten immer heftiger mit Krankheiten, wie durch Umweltgifte hervorgerufene Tumore oder Zivilisationskrankheiten, zu kämpfen haben und ihre Gesundheitsversorgung nicht mehr bezahlen können, erhält die Elite die neuesten Therapien. Sobald die Manipulation unseres Erbguts mit hoher Präzision und Sicherheit möglich ist, ist die Elite nicht mehr einzuholen. Sie leistet sich genetische Vorteile, die sie vom Rest der Menschheit abheben wird, verbessertes Gedächtnis, verfeinerte Sinne, stärkere Körper. Die breite Masse zerreibt sich im Kampf um immer weniger Ressourcen und Jobs auf den digitalen Märkten. Solidarität, Gleichberechtigung und ein zugewandtes Miteinander sind ferne Erinnerungen. Kreativität, Andersartigkeit und Freigeistigkeit bleiben in einer durch ein Sozialkreditsystem permanent überwachten Gesellschaft auf der Strecke. Fehlt nur noch die Designer-Droge, um diese Menschen ruhigzustellen – schöne neue Welt.
Wie wird die Entwicklung verlaufen? Werden wir die sonnige Utopie verwirklichen können oder in einer dystopischen Hölle unser Dasein fristen? Die Antwort ist zunächst recht simpel: weder noch. Nichts ist rein schwarz oder weiß. Warum wird es keine perfekte Utopie geben? Yuval Harari, brillanter Denker, beschäftigt sich in seinem faszinierenden BuchHomo Deus mit unserer Zukunft, doch so interessant seine Gedanken sind, es unterläuft ihm ein Kardinalfehler: Er erklärt die drei größten Geißeln der Menschheit, Hunger, Krieg und Krankheit, in absehbarer Zeit für erledigt. Obwohl wir unbestreitbar bei alle