Kapitel 1:
Schicksalsschläge – nichts für Gewohnheitsmenschen!
Lieber Martin,
als ich dich das erste Mal sah, dachte ich, das gibt es doch nicht. Es gibt Menschen, die füreinander geschaffen sind. Menschen, die man sieht und weiß, mit dieser Person möchte man sein Leben verbringen. Für immer füreinander da sein, gemeinsam lachen und weinen, zusammen im Aufzug (oder meinetwegen sogar im Dixi-Klo eingesperrt sein), weil es zu zweit nicht schlimm ist, sondern einfach immer nur schön. Zwei, die zusammen Paleo-Diät machen, Auralesen und Lachyoga, die Dinkelvollkorn- Apfelkuchen mit Bio-Rohrohrzucker backen, mit Äpfeln aus dem gemeinsamen Garten hinterm gemeinsamen Haus, hach, Martin, solche Menschen – sind wir nicht.
Wegen dir.
Natürlich vermisse ich nach all der Zeit doch etwas.
Den Butterstreusel und den Kater.
Ja, ich vermisse auch dich. Aber ich kann jetzt Weißmehl-Raffinade-Zucker-Industriekuchen im Bett essen und dabei rauchen. Ich kann endlich mal eine andere Serie gucken als »Dick und Doof« oder »Pippi Langstrumpf«. Und erfriere nachts nicht bei Minusgraden und offenem Fenster.
Ja, ich vermisse dich auch nachts an meiner Seite, aber ich habe endlich einen neuen Pyjama gekauft – nicht bei Grüner Erde, sondern bei H&M in goldenem Glanzsatin, worin ich mir dich 15 Jahre lang vorgestellt habe und wo du nie im Leben hineingeschlüpft wärst, nicht einmal für mich, nicht einmal für die erotischsten Stunden, Martin! Jetzt liegt ER neben mir auf der unbezogenen Bettseite, glänzend, golden und ich sage jede Nacht zu ihm: »Das hast du nun davon!«, bevor ich mir noch ein Toffifee in den Mund schiebe und einschlafe. Wenn ich dann nachts rübertaste, seufze ich glücklich: »Der Frottee ist weg!«
Martin. Nichts, von dem, was du sagtest, stimmte. Als du zu mir sagtest, du hast mir grad noch gefehlt, hat es gar nicht gestimmt. Ich fehlte dir überhaupt nicht. Als ich weg war, hast du sofort den Burgholzhäuser Dorfkern mit allen Menschen aus Kastanien und Streichhölzern nachgebaut und stolz auf Facebook und Instagram gepostet, mit dem Kommentar: »Endlich mal allein daheim!«
Boah, war ich sauer!!!
…
Wisst ihr, was das Schlimme ist an so einem Schicksalsschlag?
Man kann sich so schlecht darauf vorbereiten!
Die stehen nämlich meistens nicht im Kalender. Wenn ich jetzt beispielsweise wüsste: Am Montagvormittag um 10:45 Uhr werde ich von einem Tanklastzug überfahren, hätte ich die Möglichkeit, an dem besagten Montag einfach nicht vor die Türe zu gehen! Durch mein Wohnzimmer fahren nun mal gewöhnlich keine Tanklastzüge.
Schicksalsschläge ereignen sich aber meistens sehr spontan, weshalb sie gerade für Gewohnheitsmenschen wie mich immer etwas ungelegen kommen. Angenommen, ich würde jeden Vormittag um 10:45 Uhr von einem Tanklaster überfahren, könnte ich viel besser damit leben …
Übrigens fahre ich selbst sehr ungern und eigentlich so gut wie nie mit einem Auto, zumindest nicht als Selbstfahrer. Der Grund dafür ist ganz einfach, dass sich die Verkehrslage ständig ändert, quasi von Sekunde zu Sekunde. Wie kann ich entspannt eine bestimmte Strecke mit dem Auto fahren, ohne vorher genau zu wissen, wie viele andere Fahrz