Vorwort
Nach Lärm, Licht und Hitze,
Erinnerung, Wille und Verstehen
James Joyce,Finnegans Wake
Im Weberhandwerk bezeichnet man als Werft die tragenden, fest im Ursprung verankerten Kettfäden, die beim Weben das Gerüst für die Schussfäden vorgeben. Der Werft weist über den letzten Schuss hinaus in den freien Raum und überspannt die bereits gestaltete Vergangenheit, die flatternde Gegenwart und die noch formlose Zukunft.
Das Tuch der menschlichen Geschichte hat seinen eigenen Werft, der tief in den Schluchten Ostafrikas verankert ist und das vielgestaltige Gewebe des menschlichen Lebens über die Jahrmillionen hinweg zusammenhält – Piktogramme vor Landschaften aus zerklüftetem Eis, wilden Wäldern, Stein, Stahl und schimmernden Bodenschätzen.
Unser Geist spannt den Rahmen, auf den die Geschichte jedes Einzelnen gewoben wird. Die ganz eigene Färbung und Textur unseres Tuchs verdankt sich den Schussfäden unserer persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen, dem feinen Gespinst unseres Lebens, dessen komplexe Einzelheiten die Struktur verbergen.
In diesem Buch begegnen wir Menschen, deren Tuch ausfasert, deren Werft bloß und sichtbar vor uns liegt.
Die in diesem Buch geschilderten Fälle stammen aus der verwirrenden Intensität der Notfallpsychiatrie. Um die allen gemeinsame Struktur des menschlichen Geistes sichtbar zu machen, müssen die zerrissenen inneren Zustände so getreu wie möglich dargestellt werden. Um das wahre Wesen dieser Erfahrungen zu erfassen, ihre Färbung und Seele, beschreibe ich die Symptome der Patienten gänzlich ungeschminkt, auch wenn ich nebensächliche Details verändere, um die Anonymität der Patienten zu wahren.
Genauso real ist die hier vorgestellte neurowissenschaftliche Technologie, auch wenn sie gelegentlich an Science-Fiction erinnern und zutiefst beunruhigend wirken mag. Die hier beschriebenen Verfahren, welche die psychiatrische Arbeit ergänzen, indem sie ganz eigene Einblicke in das menschliche Gehirn liefern, stammen aus der aktuellen Forschung und kommen in Labors in aller Welt zum Einsatz, auch in meinem eigenen.
Doch Medizin und Wissenschaft reichen nicht aus, um unser subjektives inneres Erleben zu beschreiben. Daher schildere ich einige der Fälle nicht aus dem Blickwinkel des Arztes und Wissenschaftlers, sondern aus dem der Patienten – manchmal in der ersten oder dritten Person, manchmal auch mithilfe einer veränderten Sprache, die ihren veränderten Bewusstseinszuständen gerecht werden soll. Wo ich die Gedanken, Gefühle und Erinnerungen eines Menschen auf diese Weise ausleuchte, gibt der Text nicht die Wissenschaft wieder, sondern den Versuch, mit aller gebotenen Sorgfalt, Achtung und Bescheidenheit und mithilfe meiner Vorstellungskraft mit Stimmen zu kommunizieren, die ich nie direkt gehört habe, sondern nur aus ihrem Nachhall erspüre. Eine der zentralen Herausforderungen der Psychiatrie besteht tatsächlich darin, unkonventionelle Wirklichkeiten aus Sicht der Patienten wahrzunehmen und nachzuempfinden und hinter die Verzerrungen von Subjekt und Objekt vorzudringen. Doch die wahre Stimme der Verstorbenen und Verstummten, der Leidenden und Verlorenen wird für immer ungehört bleiben.
Die Vorstellungskraft mag unzuverlässig sein, doch auch die modernen Neurowissenschaften und die Psychiatrie haben für sich genommen ihre Grenzen. Zum Verständnis von Patienten scheinen mir literarische Texte oft ebenso wichtig, und ihre Einblicke verraten mir oft mehr über den menschlichen Geist als jedes moderne Mikroskop. Zum Verständnis des Menschen ist mir die Literatur bis heute genauso wichtig wie die Wissenschaft, und sooft ich kann, gehe ich meiner großen Leidenschaft, dem Schreiben, nach – auch wenn diese Leidenschaft jahrelang nur unter Wissenschaft und Medizin verschüttet schwelte.
Somit geben drei eigenständige Sichtweisen – Psychiatrie, Vorstellungskraft und Technik – zusammen den gedanklichen Rahmen vor, was damit zu tun haben könnte, dass sie so wenig gemeinsam haben.
Die erste Achse ist die Geschichte eines Psychiaters,