: Claudia Ley
: Bevor der Sturm begann Roman
: Heyne Verlag
: 9783641270346
: 1
: CHF 3.60
:
: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 560
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Liebe, Verlust und Neubeginn im italienischen Restaurant an der Steinernen Brücke

Portofino, 1910: Auf ihrer ersten Reise an die Riviera trifft die lebenshungrige Bürgertochter Susanne Märzhäuser die Liebe ihres Lebens. Achille Giraudo kann Italien und seine Familie nicht schnell genug verlassen. In Regensburg eröffnen die beiden direkt an der Donau das erste italienische Restaurant Bayerns. Während zwei Weltkriege ihr Glück überschatten, sind die Osteria und der bunte Kreis, der sich dort bei Pasta, Grappa und Barolo versammelt, wie ein Fels in der Brandung. Doch mit der wachsenden Großfamilie nehmen auch die Verwicklungen zu. Denn es gibt ein Geheimnis, das zwischen Susanne und Achille steht—und einen mysteriösen Todesfall, der vor vielen Jahren im Piemont geschah.

Eine mitreißend erzählte deutsch-italienische Familiengeschichte

Cla dia Ley ist das Pseudonym einer Spiegel-Bestsellerautorin mit deutsch-italienischen Wurzeln. In Italien hat sie auch studiert und erhält sich dort bis heute ihren zweiten Wohnsitz. Mit ihrer Familie lebt sie im brodelnden Herzen Londons, übt ihren Beruf als Lektorin und Übersetzerin immer noch mit Begeisterung aus und liebt Reisen, italienische Küche samt Rotwein und Juventus Turin.

Ein Lieblingskind gibt es in den meisten Familien, und nicht immer kennt die Familie selbst dafür den Grund.

Das Lieblingskind in Susannes Familie war vom Tag seiner Geburt an Konrad gewesen, daran war nichts zu rütteln, und nach Gründen hatte sie sich nie gefragt. Konrad war eben Konrad. Unter den fünf Märzhäuser-Kindern der Goldschatz, der eine, der nichts anderes zu sein brauchte als er selbst.

Maximilian war der Erstgeborene, der Stammhalter, der Verantwortung zu tragen, in der Schule fleißig zu lernen und sich wie ein Erwachsener zu benehmen hatte, damit das, was der Vater mühsam mit seiner Hände Arbeit aufgebaut hatte, nicht ins Wanken geriet und wie ein Streichholzhaus zusammenfiel.

Susanne war die älteste Tochter, zwar nicht so heiß ersehnt wie ein Sohn, aber ebenfalls nötig, denn ein Mädchen, das auf sich achtete, das seine Aussteuer pflegte und eine gute Partie ergatterte, konnte seine Familie ein ordentliches Stück voranbringen.

Zwischen beiden gab es noch Ludwig, der seinen Nutzen haben würde, indem er das Brauerhandwerk erlernte, um den aber niemand viel Aufhebens machte. Wenn Bekannte – vor allem Geschäftspartner des Vaters oder deren Gattinnen – verwundert ausriefen: »Ach, Sie habennoch einen Sohn!«, waren damit nie Maximilian oder Konrad gemeint, sondern immer Ludwig.

Als Nächstes war Sybille geboren worden, die Hübsche, die eines Tages eine Prinzessin werden würde. Zumindest behaupteten das die Leute. »Mit der Kleinen hat dein Vater einen feinen Köder am Haken«, sagte Riedele, der Braumeister, der niemals lachte und alles ganz genau wusste. »Die angelt sich mal einen dicken Fisch und wird ein Prinzesschen, während wir gewöhnlichen Erdenwürmer uns ins Grab schuften.«

Als dann niemand mehr mit einem Kind gerechnet hatte, war Konrad gekommen, der gar nichts zu werden brauchte, sondern einfach er selbst war, und das war genug. Konrad, der Zärtliche, Konrad, der Fröhliche, Konrad, der auf der Welt keinem Wesen übelwollte. »Das letzte Kind ist zum Lieben«, sagte Tante Lene, die gar keine Kinder hatte, und vielleicht war das ja das ganze Geheimnis: Konrad war zum Lieben auf die Welt gekommen, und so wie alle ihn liebten, liebte er alle zurück.

Das waren sie. Die fünf Märzhäusers, dieKinder vom Brauhaus, wie die Leute in Stadtamhof sie nannten. Man hätte annehmen können, es wäre Max, der Älteste, nach dessen Pfeife sie tanzten, aber der war ein ruhiger Bürger und zum Anführer nicht gemacht. Es war Konrad, der ihnen allen voranzog und dabei auf seiner kleinen Vogelpfeife spielte, die ihm die Mutter auf der Dult gekauft hatte.

Den anderen Kindern kaufte sie dort an den bunten Buden, die Karamellduft und die Musik der Dampforgel umwehte, nie etwas. Es war alles wertloser Tand, für den eine fromme, sparsame Protestantin kein Geld ausgab, aber wenn Konrad sie mit seinen runden Augen ansah und »Bitt schön, meine Maman«, sagte, konnte sie nicht widerstehen. »Soll er das Dinglein eben haben, wenn’s ihm solchen Spaß macht. Er verlangt ja nicht viel.«

Das traf zu und verwunderte Susanne. Hätte sie selbst solche Macht besessen, hätte sie sich das Blaue vom Himmel gewünscht: