: Elizabeth Hinton
: America on Fire Rassismus, Polizeigewalt und die Schwarze Rebellion seit den 1960ern
: Karl Blessing Verlag
: 9783641275914
: 1
: CHF 9.90
:
: Gesellschaft
: German
: 496
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
»Der unverzichtbare Bericht einer brillanten Historikerin.« Jill Lepore

Der Protest gegen strukturellen Rassismus gehört nicht erst seit der Black-Lives-Matter-Bewegung, seit den Toden von Breonna Taylor, George Floyd und vielen anderen zum alltäglichen Straßenbild in den USA. Er ist, wie die Historikerin Elizabeth Hinton in ihrem Buch nachweist, auch nicht als jeweils spontaner Ausbruch von verzweifelter Wut und Gewalt zu verstehen.

Mit erzählerischer Wucht und anhand erstmals erschlossener Quellen vollzieht »America on Fire« nach, wie die Rebellion Schwarzer Communitys seit den 1960er-Jahren nahezu ununterbrochen gegen ein System gewaltsamer Unterdrückung ankämpft.

Elizabeth Hinton, geboren 1983 in Ann Arbor, Michigan, ist Professorin für Geschichte und African American Studies an der Yale University. Sie erforscht Diskriminierung und Ungleichheit in den Vereinigten Staaten. Mit ihrem von Kritikern und Kollegen hochgelobten ersten Buch, »From the War on Poverty to the War on Crime«, etablierte sie sich 2016 als eine der maßgeblichen Stimmen, die institutionellen Rassismus mit neuen Ansätzen hinterfragen und erklären. Sie setzt sich für Reformen des US-Justiz- und Polizeiwesens sowie gegen die Todesstrafe ein. Hinton lebt in New Haven, Connecticut.

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Der Kreislauf

Junge Männer werfen am Nachmittag des 7. Juli 1970, dem dritten Tag des Aufstands in Asbury Park, New Jersey, Steine auf die Polizei, während diese vorrückt, um die Menge zu zerstreuen. (Bettmann Archive/Getty Images)

Die Bewohner von Carver Ranches hatten keine Bürgersteige, keine Hydranten und auch keine Kanalisation. Doch sie hatten Polizisten, die auf den Straßen ihres Wohnviertels patrouillierten. Schwarze Amerikaner aus Miami und Schwarze Migranten von den Bahamas hatten die Gemeinde Ende der 1940er-Jahre auf einer Fläche von rund 120 Hektar in Broward County, Florida, gegründet und sie nach dem gefeierten Wissenschaftler George Washington Carver benannt. Teenager der ersten Generation von Carver-Ranches-Bewohnern standen an einem Samstagabend im August 1969 gegen Mitternacht noch auf der Straße, als ein Deputy Sheriff der Polizei von Broward County vorbeifuhr. Einer der Jugendlichen warf einen Stein auf den Streifenwagen. Dieser kleine Akt der Auflehnung provozierte eine unverhältnismäßige und gewalttätige Gegenreaktion. Der Deputy hielt an, stieg aus, stellte den Steinewerfer, packte ihn am Hemd und bugsierte ihn auf den Rücksitz seines Streifenwagens. Die Freunde des Jungen wollten nicht zulassen, dass er wegen eines ebenso spontanen wie geringfügigen Vergehens von der County-Polizei mitgenommen wurde. Sie öffneten die Wagentür und zogen ihn heraus, doch der Deputy beförderte ihn wieder zurück. Nach mehrmaliger Wiederholung dieses Vorgangs setzten sich die Jugendlichen durch, und der Steinewerfer verschwand in der rasch anwachsenden Menschenmenge, die dieses Schauspiel beobachtete. Der Deputy Sheriff forderte angesichts der Überzahl Verstärkung an. Als diese aus drei benachbarten Polizeiwachen anrückte, gab irgendjemand fünf Schüsse auf die Polizisten ab. Niemand wurde getroffen. Der Sheriff bezeichnete den Vorfall später als »Vorstufe eines Krawalls« (»near riot«).20

Aufstände entwickelten sich Ende der 1960er- und zu Beginn der 1970er-Jahre meist, wenn Polizeibeamte sich – oft gewaltsam – in ganz gewöhnliche Alltagsaktivitäten einmischten, wenn eine Gruppe von Kindern oder Jugendlichen tat, was man in diesem Alter eben tut. Aufstände brachen aus, wenn Polizisten offenbar ohne jeden Grund präsent waren oder wenn die Polizei in Angelegenheiten eingriff, die intern geregelt werden konnten – wie Streitigkeiten unter Freunden oder Familienmitgliedern. Aufstände begannen, wenn die Polizei gesetzliche Bestimmungen durchsetzte, die in weißen Wohngebieten so gut wie nie Anwendung fanden, etwa Vorschriften zu Versammlungen von einer bestimmten Größe oder zum Verhalten einer »verdächtigen Person«. Zu Gewaltausbrüchen kam es auch, wenn Polizisten es versäumten, Anwohnern das übliche Entgegenkommen zu erweisen, das Weißen wie selbstverständlich zuteilwurde – wenn sie etwa weißen Teenagern gestatteten, in einem Park Alkohol zu trinken, aberUS-amerikanische Teenager mexikanischer Herkunft für dasselbe Verhalten verhafteten. »Wenn sie uns einfach nur in Ruhe ließen, würde es auch keinen Ärger geben«, sagte ein Schwarzer Teenager-Junge, der sich während eines Aufstands in Decatur, Illinois, im August 1969 als Steinewerfer betätigt hatte. Seine Lösung war eine unmittelbare Reaktion auf das Offensichtliche. Ein Aufstand war jederzeit möglich, wenn das Alltagsleben polizeilich überwacht wurde, und oft genügte schon der bloße Anblick von Polizisten –