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Im Rücken den Ätna und vor mir das Meer. Endlich bin ich angekommen – zumindest auf Sizilien. Ich lasse meinen neuen XL-Rollkoffer stehen und atme tief die betörend blumig-zitrusfrische Luft ein. Ein warmer Windhauch streift mich, und jegliche Anspannung fällt von mir ab wie ein loser Knopf. Ein solch befreiendes Gefühl habe ich schon sehr lange nicht mehr gespürt.
Es ist später Nachmittag, ich bin durchgeschwitzt, am Flughafen haben wir gefühlt Stunden auf unseren Mietwagen warten müssen, nachdem bereits der Flieger verspätet gewesen war, aber all das zählt jetzt nicht mehr.
»Gitti, kneif mich bitte!«
Ich stehe in einem großen, wilden Garten mit Zypressen, Mandel-, Orangen-, Zitronen- und Mandarinenbäumen und Pflanzen wie Bougainvillea, Hibiskus, Oleander und Anemonen. Wie prächtig all die Farben leuchten.
»So stelle ich mir das Paradies vor«, sage ich und registriere, wie sich meine lang vermisst geglaubte Begeisterungsfähigkeit aus ihrem Schatten wagt.
Das Grundstück im Osten der Insel thront an einem Abhang hoch über dem Meer und gibt einen spektakulären Ausblick über die ionische Küste frei. Ausgelassen funkelt das tiefblaue Wasser im Licht der Sonne, als Punkte tanzen Boote darauf.
»Siehst du, Isabell, ich habe dir nicht zu viel versprochen, das hier wird dir guttun. Sieh es mir nach, dass ich dich jetzt nicht kneife, das wäre mir zu anstrengend.«
Gitti zerrt ihren zerbeulten Koffer hinter sich her. Er ist schon viel rumgekommen in der Welt. Sie wollte nicht, dass ich ihr mit dem Gepäck helfe. Mit ihren sechsundsiebzig Jahren verfügt die zierliche Gitti über beeindruckende Kräfte. Das motiviert, auch wenn ich noch sechsunddreißig Jahre Zeit habe, bis ich in ihrem Alter bin.
»Danke, dass du mich überredet hast, dich hierherzubegleiten«, sage ich.
»Es war mir ein Vergnügen. Übrigens habe ich ausreichend Eierlikör dabei, wir stoßen nachher gebührend an.«
Ich schmunzele. »Ach deswegen musstest du für Übergepäck draufzahlen.«
»Wer hätte gedacht, dass die Flughafenmitarbeiter so kleinlich sind. Aber jetzt lassen wir uns zunächst von Vincenzo das Anwesen zeigen.«
Wir laufen weiter bis zur Haustür. Ein kleiner stämmiger Mann mit dichten weißen Haaren kommt uns entgegen. Sein wettergegerbtes Gesicht ist eine beeindruckende Landschaft gelebten Lebens. Er hebt die Arme und gestikuliert wild. »Aber nein, lasst das Gepäck stehen, ich kümmere mich darum!«
»Zu spät, außerdem rollt der Koffer fast von allein«, sagt Gitti.
Vincenzos warme braune Augen lächeln uns genauso herzlich an wie sein faltiger Mund.
»Ich freue mich, dass ihr hier seid. Herzlich willkommen, meine Damen.«
Sein Deutsch klingt sehr gut. Von Gitti weiß ich, dass er der Bruder von Francesco ist, dem Besitzer ihrer Berliner Lieblingstrattoria. Mit Francesco verbindet sie schon über Jahre eine gute Bekanntschaft. Er hat ihr das Ferienhaus vermittelt.
»Vielen Dank. Sie sprechen hervorragend Deutsch«, sage ich.
»Naturalmente, ich habe lange in Deutschland gelebt. Und bitte sieze mich nicht, sonst fühle ich mich alt.« Vincenzo lacht und legt entgegen aller Klischees zwei vollständige Reihen Zähne frei.
»Das ist das Letzte, was ich möchte. Ich bin Isabell, aber du kannst mich Isa nennen.«
»Wunderbar. Ciao, Isa.«
Wir schütteln uns kräftig die Hände.
»Vincenzo ist vor über fünfzig Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen, und irgendwann hatte er die besten Eisdielen in ganz Bayern«, sagt Gitti.
»Gieti übertreibt maßlos. Aber ich kann mich nicht beklagen, die Deutschen mögen unser Eis. Nun führt mein Sohn die Geschäfte weiter.«
Gieti. Wie melodiös er ihren Namen ausspricht.
»Ihr kennt euch schon länger?«
»Sagen wir so, wir sind uns schon einmal begegnet«, erwidert Gitti knapp.
»Si, si«, murmelt Vincenzo und beginnt mit der Führung durchs Haus.
»La Casa ist über dreihundert Jahre alt. Schon immer hat es unserer Familie gehört, aber irgendwann war es so heruntergekommen, dass niemand mehr hier gelebt hat. Vor einigen Jahren war es mir dann eine Herzensangelegenheit, es renovieren zu lassen.«
Bezaubernder hätte ich mir ein antikes sizilianisches Landhaus nicht vorstellen können. Mit drei Schlafzimmern und zwei Bädern so