PAULA
KRABBELNDE KÄFER UND MADEN
Es ist eine Leiche. Paula kann es kaum glauben. Seit Jahren meldet ihre Mutter fast monatlich quicklebendige Tote. Und nun das. Tatsächlich eine Leiche. Jedenfalls soweit Paula es beurteilen kann, denn ihre Mutter verdeckt ihr die Sicht.
»Siehst du, Paula – ich hab es dir gesagt. Mord. Mindestens.« Cosmas knallgelber Umhang leuchtet vor dem Grün des Rasens. Nun zieht sie ein vorsintflutliches Diktiergerät daraus hervor und drückt auf die Aufnahmetaste. Quietschend setzen sich die Rädchen im Inneren in Bewegung. Cosma hält es direkt an ihre Lippen: »Eine männliche Leiche liegt vor mir. Die Augen sind offen, starren ausdruckslos ins Leere. Was mögen sie gesehen haben im Augenblick des Todes?« Sie drückt die Pausentaste und schaut auf: »Ihr solltet die Netzhaut ablösen. Vermutlich hat sich das Bild des Mörders darauf eingebrannt.«
Eine blonde Strähne fällt Paula ins Gesicht. Ungeduldig pustet sie sie weg. »Nein, mit Sicherheit nicht.«
Cosma zückt wieder ihr Diktiergerät. »Wie schon so oft zeigt sich die Polizei nicht bereit, die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft einzubinden. Hier ist ein Profi gefragt. Was für ein Glück, dass ich vor Ort bin. Cosma Pongs: Detektivin. Abenteurerin. Schriftstellerin. Selbstverständlich übernehme ich den Fall.« Sie beugt sich über den Toten: »Der Mann ist circa 49 bis 55 Jahre alt. Er hat ein eingefallenes Gesicht und eine ausgeprägte Halbglatze, über die er seine Haare von hinten nach vorne gekämmt hat. Kein sehr schöner Anblick, muss ich sagen, diese Frisur. Vermutlich arbeitet er bei einer Behörde. Völlig unkreativ. Davon zeugt auch sein Kleidungsstil: kariertes Hemd, grüne Gärtnerhose, grüne Schuhe.«
Paula weiß, dass es nur drei erfolgversprechende Methoden im Umgang mit ihrer Mutter gibt:
Vorgehensweise 1: Ignorieren. Dieser Weg erfordert ein hohes Maß an Selbstkontrolle, Ruhe und Gelassenheit und ist deswegen selbst nach jahrelangem Training nur bei einem kurzen Kontakt durchführbar.
Vorgehensweise 2: Auf ihre Bemerkungen bekräftigend eingehen. Schon als Kind hat Paula gelernt, dass ihre Mutter nichts mehr aus dem Konzept bringt, als wenn jemand sie vorbehaltlos in ihren Ansichten unterstützt. Allerdings ist genau das auch die Crux der Methode: Cosmas Ideen zu unterstützen ist kaum je angebracht.
Vorgehensweise 3: Dafür sorgen, dass Cosma woanders ist als man selbst. Der sinnvollste Weg, die Erfolgsquote spricht für sich.
Heute ist ganz klar ein Tag für Vorgehensweise 3. Entschieden schiebt sich Paula zwischen ihre Mutter und die Leiche: »Raus aus dem Garten!«
Leider hat ihre Mutter in den vergangenen Jahren eigene Strategien entwickelt. Paula bemerkt, wie sie sie mustert und sich dann ein Lächeln auf ihrem Gesicht ausbreitet. »Du bist so süß, wenn du dich aufregst. Kriegst richtige Apfelbäckchen. Wie das Kind in der Lebertranwerbung.«
»Ich bin vierunddreißig Jahre alt. Und ich werde nicht rot.« Zu ihrem Ärger merkt Paula, wie genau das jetzt passiert.
Cosma lächelt breit. »Du kannst sagen, was du willst: Du kommst ganz nach deinem Großvater, Gott hab ihn selig. Die Sommersprossen, die Stupsnase, ganz wie er.«
»Du gehst jetzt sofort zu den anderen Zivilisten.« Paula weist mit vor Wut zitternder Hand auf den Gartenweg, wo ihr Kollege Walter Körbchen gerade das Absperrband festmacht. Gelassen schreitet er den Weg ab, scheucht die Leute ein Stück nach hinten, befestigt die Absperrung. Anschließend faltet er seine Hände über dem Hawaiihemd und betrachtet lethargisch wie ein Koi-Karpfen die neugierige Menge aus Schrebergärtnern, die sich tuschelnd vor ihm drängt.
»Schau mal, hier! Das ganze Beet ist zertrampelt!« Cosma deutet auf den Boden. »Ich