: Maria Lazar
: Die Eingeborenen von Maria Blut Roman
: DVB Verlag
: 9783903244153
: 2
: CHF 13.20
:
: Erzählende Literatur
: German
WENN DAS LAND, DAS MAN KANNTE, PLÖTZLICH NICHT MEHR DASSELBE IST... Österreich zu Beginn der 30er Jahre. Im beschaulichen Kurort Maria Blut beginnt es zu brodeln. Auf den Straßen, am Marktplatz und in der Kirche wird getuschelt: Hat dieser oder jener nicht eine Halbjüdin zur Mutter? In nur wenigen Monaten spitzt sich die Lage zu: Radikalisierte Männergruppen parodieren durch die Straßen und skandieren: »Heil! Heil!«. Wunderheiler und falsche Propheten tauchen auf und verkünden den bevorstehenden Weltuntergang, deklassierte Adelige schimpfen auf die »Saurepublik«, und schließlich steht auch noch die o?rtliche Konservenfabrik in Flammen. Klammheimlich, wie ein schleichendes Gift, breitet sich die NS-Ideologie in einem o?sterreichischen Provinznest aus - und am Ende ist nichts mehr, wie es war. 'In ihrem vielleicht besten Roman [...] 1935 geschrieben und posthum 1957 erschienen, beschreibt Lazar am Beispiel eines wirtschaftlich maroden Dorfes kassandrahaft das Heranreifen des Nationalsozialismus.' - Margarete Affenzeller, DER STANDARD '[...] ein kleines literarisches Wunderwerk' - Thomas Mießgang, DIE ZEIT

Maria Lazar (1895-1948) entstammte einer jüdisch-großbürgerlichen Wiener Familie. Sie absolvierte das berühmte Mädchengymnasium der Eugenia Schwarzwald, in deren Salon Oskar Kokoschka sie 1916 porträtierte und in dem sie mit zahlreichen prominenten Figuren der damaligen Wiener Kulturszene zusammentraf, darunter Adolf Loos, Hermann Broch und Egon Friedell. Seit den frühen 20er Jahren war sie als Übersetzerin tätig und schrieb für renommierte österreichische, skandinavische und Schweizer Zeitungen. Erst als sie 1930 zum nordischen Pseudonym Esther Grenen greift, stellt sich quasi über Nacht ihr verdienter literarischer Ruhm ein; ein Erfolg, der allerdings durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten ein jähes Ende findet. Aufgrund des repressiven Klimas verlässt sie schon 1933 mit ihrer Tochter Österreich und geht zuerst, gemeinsam mit Bertolt Brecht und Helene Weigel, ins Exil nach Dänemark. 1939 flüchtet sie nach Schweden und scheidet 1948 nach einer langwierigen, unheilbaren Krankheit freiwillig aus dem Leben. Ihr breitgefächertes und wagemutiges literarisches Oeuvre geriet schon vor 1945 völlig in Vergessenheit.

I.


Da rennt er, der Doktor, was ist er denn so aufgeregt, und das Hemd hat er offen, gehört sich das, und die Lederhosen an einem Sonntag –“

„Ja wissens denn nicht, den Herrn Pfarrer, den Pater Lambert, der Schlag hat ihn getroffen oder so was, bei der Hitz.“

„Um Gottes willen!“

„Im Refektorium ist er gelegen, ganz so wie tot. War aber auch eine große Hochzeit mit Champagner und so, bei der Hitz.“

„Daß aber da den Lohmann holen?“

„Der Primarius war nicht zuhaus und der Brunnbacher auf einer Autotour, da ist der Kirchendiener halt weitergelaufen, was hätt er sonst auch tun sollen.“

„Nein, nein, das gehört sich nicht, daß sie den Lohmann holen. Den Lohmann zum Pfarrer. Der wird ihm nicht helfen. Und überhaupt, habens gesehen: mit einem offenen Hemd.“

Der Doktor, Doktor Gustav Lohmann nämlich, prallt an der Ecke gegen einen Bauch mit silberner Kette. Oh Entschuldigung! Er hält seine Tasche fest, alle Spritzen sind drin, verfluchte Geschichte. Eben erst ist er von seinem Pfahbau nachhaus gekommen, hungrig, müde, verschwitzt, ein bißchen Stromeskälte in allen Knochen, und nun muß es auch noch der Pfarrer sein. Die Mauern blenden, der Himmel ist blau, hängt in die Häuser hinein, oder ist das Dunst, grauer Gewitterdunst? Na, ist ja gleich. Alle Fenster stehen offen, es riecht nach Schweinsbraten und Krautsalat, dort liegen sogar noch die Betten draußen.

Nun noch mit ein paar Sprüngen über den Kirchplatz hinüber. Neben dem Brunnen, dem Brunnen der Gottesmutter von Maria Blut, lehnt an dem Sockel der Statue ein verwischtes Gesicht, ein verstaubtes Gesicht, eine Hand streckt sich vor, nein, nein, jetzt nicht, keine Zeit, kein Kleingeld, und überhaupt, die Pflicht kommt zuerst, trotzdem es der Pfarrer ist, nein, eben deshalb.

Und der Doktor verschwindet im Säulengang des Stifts.

Der Herr Zimmerl, der Bäckermeister, sieht ihm nach. Eben ist er vor sein Haustor getreten, um Luft zu schnappen. Was macht denn der Doktor im Stift und drängt ganz einfach vorbei an dem armen Teufel, dem Bettler? Ja, ja, so sind sie, diese Roten. Immer nur das Maul aufreißen und was verlangen für die Arbeitslosen, wenn es auf Kosten der andern geht. Der Herr Zimmerl ist kein schlechter Mensch. Er holt zwei Semmeln (sind schon recht hart) und geht mit ihnen um den Marktplatz herum (er soll sich nach dem Mittagessen Bewegung machen) und wirft sie dem Bettler in den Hut auf dem Brunnenrand. Es ist nämlich besser, solchen Leuten kein Geld zu geben, weil sie das ohnehin nur versaufen.

In den Gängen des Stifts ist es kühl. Und riecht nach Weihrauch und blassem Gestein.

„Na, was ist denn, Hochwürden, schlecht geworden?“

Der Herr Pfarrer sitzt zwischen zwei Laienbrüdern am offenen Fenster. Die Luft draußen ist grau. Er sitzt in einem riesigen Lehnstuhl, die Säcke unter den Augen zittern und die schwere Wamme am Hals. Etwas blaß ist er, etwas erschrocken, der Fuß liegt auf einem Schemel. Aber von einem Schlag kann doch nicht die Rede sein. Der Puls ist ganz gut.

Der Pfarrer nickt: „Schau, schau, also Sie sinds!“ (Kann ja auch wieder gehn, du Fettwanst, du alter.)

Ausgerutscht im Refektorium, sagen die Laienbrüder. Und der Fuß, ja der Fuß, der ist gebrochen oder verstaucht.

„Werden schon sehen.“ (Ausgerutscht. Wird wohl wieder einmal einen sitzen gehabt haben, der hochwürdige Pater. Überhaupt nach der Hochzeit. Es stinkt wie in einem Wirtshaus, abgesehen vom Weihrauch und den zwei schmutzigen Lilien auf dem Fensterbrett.) „Ist nicht mehr Wasser da?“

Der Pfarrer nickt. Das hab ich schon gefressen. Wasser, Wasser. Wenn die Herren Doktoren kommen, kanns gar nicht genug Wasser geben. Und die Handtücher fliegen. Da krempelt er die Ärmel auf, dieser Lohmann, braune Arme hat er mit ganz hellen Haaren darauf, auch die Brust ist braun, beinah wie ein Wilder, das Hemd braucht er doch nicht offen zu haben.

„Tuts weh, Herr Pfarrer?“

„Nein, nicht arg.“

Bei den Ohren sollt man ihn nehmen, den Kerl da. Er hat ohnehin Ohren wie ein Bub, lang und neugierig, aber nicht abstehend. Was zerrt er so herum? Und das kalte Wasser. Mir scheint, jetzt wascht er auch noch den Knöchel. Wie er ihn hebt. Sie Herr, das ist mein Fuß, der gehört mir, ja, schaun Sie mich nur an, der Fuß allein, das gibts nicht, da müssen Sie sich schon auch für mich interessieren, mein Fuß, der ist kein Präparat, wie ihr es in euern Seziersälen habt.

„Au weh!