ESSEN, TAG 0
Die Welt, wie Emma sie kannte, gab es nicht mehr. Von jetzt auf gleich hatte sie das wohl schlimmste Wechselbad der Gefühle erlebt, das einem Menschen widerfahren konnte. Für genau zwei Stunden hatte sie eine Familie gehabt. Und damit zum ersten Mal in ihrem Leben grenzenloses Glück empfunden. Nun stand sie vor einer unmenschlichen Wahl und den Trümmern ihrer Existenz.
Der Regen tropfte ans Fenster ihrer kleinen 20-QuadratmeterWohnung. Das heißt: Eigentlich war es nur ein Zimmer mit einem Bad. Mehr konnte sie sich als mittellose Studentin nicht leisten. Den Großteil des Zimmers nahmen ihr schlichtes Bett und der Ikea-Kleiderschrank ein, in dem sie genau drei Blusen hängen hatte. Außerdem besaß sie noch einen Schreibtisch, auf dem sich zahlreiche Bücher türmten.
Ihr Blick blieb an den Büchern hängen. Kunstgeschichte. Wer studierte schon so etwas, wenn er über kein sicheres Einkommen verfügte? Emma hatte sich vor dem Beginn ihres Studiums darüber keine Gedanken gemacht. Mit einer Mischung aus Optimismus und Naivität war sie in die Welt hinausgegangen, hatte geglaubt, das Universum gehöre ihr und habe nur auf sie gewartet. Taten das denn nicht alle Abiturienten? Und stimmte es nicht sogar bei den meisten von ihnen?
Emma vergrub ihr Gesicht in ihren dunkelblonden Locken und schluchzte. Wie sollte sie nur aus dieser Lage wieder herauskommen? Sie konnte ja schlecht noch einmal „etwas Richtiges“ anfangen zu studieren, dazu war sie als Viertsemestlerin mit ihren 21 Jahren auch schon etwas zu weit in ihrem Studium.
Zwischen den Fingern hindurch starrte sie auf die weißgoldenen Ohrringe, die auf ihrem Schreibtisch lagen. Der Schmuck war vielleicht das Wertvollste, das sie besaß. Und doch wollte sie ihn am liebsten einfach aus dem Fenster werfen. Sie konnte nicht. Sie durfte nicht. Martin hatte ihn ihr doch geschenkt. So wie zwei der drei Blusen in ihrem Schrank. Und dann war da noch der Ring. Sie hatte ihn noch immer nicht abgenommen, so als klammere sie sich mit aller Macht an die Illusion, die ihr soeben genommen worden war.
Ihr Blick wanderte weiter durch das Zimmer und blieb auf einem länglichen, weißen Gegenstand aus Plastik liegen, der sich an der magentafarbenen Spitze verengte. Plötzlich hatte Emma einen Kloß im Hals. Sie starrte und starrte auf dieses Objekt, so als würde sich die Zahl der Streifen auf der Anzeige durch diesen intensiven Blick wie durch Zauberhand verändern. Aber das geschah nicht. Stattdessen stand dort noch immer schwarz auf weiß, dass sie schwanger war.