: Volker Pesch
: Der letzte Grund Kriminalroman
: Pendragon Verlag
: 9783865327680
: 1
: CHF 10.70
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 284
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ein versenktes Schiff, ein verschwundenes Gemälde und Spuren in die Vergangenheit. Das gesunkene Traditionsschiff Sansibar ist eigentlich kein Fall für die Mordkommission, doch unter Deck liegt eine Leiche. Handelt es sich dabei um den vermissten Bootsmann? Während die Leiche noch geborgen wird, beginnt Hauptkommissarin Doro Weskamp die Ermittlungen. Zunächst scheint die geplante Teilnahme des Seglers an der Hanse Sail ein Motiv zu sein. Wollte das jemand verhindern? Doch dann stößt die Kommissarin auf Spuren aus der Vergangenheit, die mit dem Großvater des Bootsmanns, dem Zweiten Weltkrieg und einem verschollenen Kunstwerk zu tun haben. Und mit ihrer eigenen Generation, der Generation der Kriegsenkel.

Volker Pesch wurde 1966 am Niederrhein geboren und studierte Politikwissenschaft, Geschichte und Philosophie in Köln. Mitte der 1990er Jahre ging er als Mitarbeiter an die Universität Greifswald, wo er promovierte. Nach verschiedenen beruflichen Stationen arbeitet er heute freiberuflich als Texter, Journalist und Schriftsteller. Volker Pesch lebt gemeinsam mit seiner Frau im ländlichen Vorpommern.

Die frische Brise aus Südost schob das Schiff in schneller Fahrt vor sich her. Es trug Vollzeug, sogar die Toppsegel waren gesetzt, die Segel für leichten Wind. Sommersegel. So dicht unter Land war die See nur mäßig bewegt, der Bug tauchte sanft ein und zerteilte das Wasser. Zu jeder Seite warf sich eine schäumende Welle auf. Knochen im Maul, dachte er, das sieht aus wie ein Knochen im Maul eines Hundes. Am Horizont zeichneten sich die Speicher und Kräne des Hafens ab, auch ein Kraftwerk mit seinem weißen Schweif aus Wasserdampf war in Sicht. Nicht mehr lang hin, dann mussten sie die Segel bergen oder unter vollen Segeln in die Hafeneinfahrt kreuzen. Das konnte an diesem Nachmittag vielleicht sogar gelingen.

Er roch den Muschelkalk vom Strand und das Harz der Kiefern hinter den Dünen. Eine neugierige Möwe drehte ihre Runden um die Flagge am Besanmast. Sein Blick folgte ihr kurz und kehrte mit einer anderen Möwe zurück an Bord. Für eine stille Sekunde schloss er die Augen und nahm das rauschende Kielwasser wahr, das Ächzen und Knarren des alten Holzes, die Spannung im ganzen Schiff. Irgendeine der zahllosen Leinen schlug im Takt der Bewegung an den Mast. Es war dieses Geräusch der entspannten Minuten, der Minuten am Ende eines langen Törns, dieses Geräusch, das er so liebte. Wenn alle Gäste zufrieden waren und nicht mehr viel schiefgehen konnte. Er genoss es. Zugleich atmete er tief den Duft von Leinöl und Pech ein, der von den ergrauten Planken aufstieg. Das war jetzt sein Leben. Und er stand mit beiden Beinen fest an Deck. Seine rissigen Hände fassten das Steuerrad, er fühlte sich gut, stark, voller Energie, unbändig, wie verwachsen mit dem Schiff und den Elementen, und er hielt sicher den Kurs. Nur sein linker Fuß war kalt.

Dann waren da plötzlich Menschen an Bord, viele Menschen. Überall waren diese Menschen. Frauen in Jack-Wolfskin-Allwetterjacken und Männer in orthopädischen Sandalen saßen auf der Reling und dem Kajütaufbau. Am Bug stand eine Gruppe Senioren ohne Zähne, Kinder lärmten, kreischten mit ihren schrillen Stimmen, vor lauter Lärm und Gekreische hörte er weder die Möwen noch das Kielwasser. Vor ihm, neben ihm, hinter ihm, über und unter Deck waren Menschen. Und alle starrten ihn an. Was wollten die von ihm? Machte er etwas falsch? Was warfen sie ihm vor? Er zog den Kopf ein, spannte die Muskeln an, von den Schultern über Rumpf und Gesäß bis tief in die Beine, sein Puls wurde schneller, der Atem flacher, die Blase drückte. Aus der Kombüse stieg der Geruch von Erbsensuppe und Bockwurst auf. Wieso kochen die schon wieder?, fragte er sich, als hätten die keine anderen Probleme als immer nur essen. Es hat doch eben erst Suppe gegeben! Sein Mund wurde trocken. Plötzlich griff jemand nach dem Steuer, er wollte ihn abweisen, wollte um das Steuer kämpfen, aber der Mann war kräftig und entschlossen. Dann war auch der Schipper da, ganz kurz fühlte er so etwas wie Erleichterung, aber statt ihm zur Seite zu stehen, forderte der ihn in hartem Befehlston auf: „Lass den Mann ran! Der kann das besser als du!“

Erschrocken trat er zur Seite, verletzt wegen dieser Ungerechtigkeit, wieso traute der ihm auf einmal das Steuern nicht mehr zu? Das Schiff schlingerte, er taumelte, stieß an irgendetwas an, etwas Festes, etwas, das dort nicht hingehörte. Das waren Dosen,