Wo verläuft der Weißwurschtäquator?
Die Grenzen des Freistaates sind, rein geografisch, bekannt. Man kennt seine Grenzen. Oder besser gesagt, der Bayer kennt seine Grenzen. Nur, so ganz stimmt das nicht immer.
Wie übrigens vieles in Bayern nie so ganz stimmt. Alles hat zwei Seiten und manchmal auch mehr. Das mag mit einer typisch bayerischen Weltsicht zu tun haben, die in dem Satz zum Tragen kommt:Kannt sei, dass amoi wos sei kannt, kannt aa sei, dass nix is, aa wenn’s wos waar. In Bayern wissen alle, Einheimische und Zugezogene, dass immer alles auch ganz anders sein kann. Egal, worum es sich handelt, die Welt wird weiß-blau eingefärbt. Europa zum Beispiel wird mit allem, was dazugehört, unter die weiß-blaue Lupe gelegt und erscheint damit als große, irgendwie auch bayerische Idee, die von einem stolzen bayerischen Löwen kritisch beäugt wird. Es gibt einen alten Spruch, von dem Bayern-Experten behaupten, er stünde irgendwo in einem mittelalterlichen Kloster über einem Torbogen: Extra Bavariam nulla vita, et si est vita, non est ita. Solche Weisheiten werden immer noch gern auf Lateinisch ins Bewusstsein gerufen, um damit zu unterstreichen, dass Bayerns Anfänge in den Klöstern und Domschulen des frühen Mittelalters zu finden sind. Schon zu Beginn der 1500-jährigen Geschichte Bayerns habe sich ein starkes bayerisches Selbstbewusstsein herausgebildet. Ins Deutsche übersetzt heißt der Satz: Außerhalb Bayerns gibt es kein Leben, und falls doch, so ist es kein bayerisches. Das ist auf jeden Fall richtig. Es ist ja nicht abzustreiten, dass das Leben in Bayern eine andere Qualität aufweist als beispielsweise das in Nordrhein-Westfalen oder Mecklenburg-Vorpommern. Da brauchen wir gar nicht reden, das ist offensichtlich!
Eine sehr wichtige, wenn nicht die bedeutendste Differenz zu allen anderen Bundesländern stellt dieCSU dar, die nur in Bayern wählbar ist und seit Jahrzehnten das bayerische Leben maßgeblich bestimmt. Das ist die Wahrheit. Wie überhaupt die Wahrheit über ihren religiösen Gehalt hinaus in der bayerischen Politik eine entscheidende Rolle spielt.
Untersuchungsausschüsse des Bayerischen Landtags, die eingesetzt werden, um »zweifelhafte Vorgänge« aufzuklären, fördern regelmäßig mehrere Wahrheiten zutage, die alle ihre Berechtigung haben. Wahr ist, dass in Bayern auch die Unwahrheit wahr sein kann.
Dabei spielt die Sprache die entscheidende Rolle. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein, der Österreicher war, also sprachlich im Grunde genommen ein Bayer, hat gesagt, dass »die Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt bedeuten«. Auch wenn Sie der bayerischen Sprache nicht mächtig sind, sollten Sie, falls Sie einmal etwas nicht verstehen, was öfter der Fall sein wird, als Sie glauben, davon ausgehen, dass das Gesagte immer freundlich gemeint ist, auch wenn es aufs erste Hören nach dem Gegenteil klingt. Die ÄußerungLeck mi am Arsch! muss nicht immer eine Aufforderung sein. Meistens bringt damit der gebildete Bayer seine Bewunderung für etwas Großes und Erhabenes zum Ausdruck. Die weisen Entscheidungen der bayerischen Staatsregierung werden oft mit einem »Da legst di nieder« oder eben mit einem »Leck mi am Arsch« kommentiert. Mit diesem Ausruf ist in jedem Fall ein Staunen verbunden.
Die Welt tritt uns (nicht nur) in Bayern manchmal in unheimlich blöder Gestalt gegenüber, und wir wissen uns dann nicht mehr anders zu helfen, als blöd daherzureden, weil wir glauben, damit angemessen auf die uns blöd kommende und damit widersinnig erscheinende Welt zu reagieren. Beim »Blöddaherreden« handelt es sich um eine sprachliche Finesse, um die blöde Welt und die Menschen miteinander ins Gleichgewicht zu bringen. Blöd ist nicht immer nur blöd. Blöd ist selten dumm! Das müssen wir scharf auseinanderhalten. Blödes und dummes Verhalten können auch identisch sein. Das ist richtig. Doch ist das Blöde meist nicht nur blöd und das Dumme nicht nur