: Melanie Lindorfer
: Die verbotene Heimat Eine emotionale Reise nach Südböhmen und in die Vergangenheit.
: beHEARTBEAT
: 9783732595150
: Die schönsten Familiengeheimnis-Romane
: 1
: CHF 4.50
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 300
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

Anni ist achtzehn Jahre alt, als sie aus ihrer Heimat in Südböhmen vertrieben wird. Sie kehrt nie zurück an den Ort, den sie einerseits mit so viel Liebe und andererseits mit großem Leid verbindet. Als die ersten Anzeichen einer Alzheimer-Erkrankung auftreten, schreibt sie ihre Geschichte auf - bevor eintritt, was sie sich lange gewünscht hat: endlich zu vergessen.
Die 27-jährige Franzi führt ein Leben als moderne Nomadin. Als ihre Eltern den Hof der Familie im Ostallgäu verkaufen, stößt Franzi auf die unvollständigen Aufzeichnungen ihrer Großmutter und deren tragische Lebensgeschichte. Für Franzi steht fest: Sie muss herausfinden, was damals wirklich geschehen ist. Moritz, der neue Besitzer des elterlichen Hofes, will sie bei der Suche unterstützen. An Annis Stelle begibt Franzi sich auf eine Reise in den Böhmerwald und versucht dort wiederzufinden, was ihre Großmutter über siebzig Jahre zuvor zurücklassen musste.
Alle Romane der Familiengeheimnis-Reihe sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden.
eBooks von beHEARTBEAT - Herzklopfen garantiert.


Kapitel 1


Ostallgäu, Ende Juli 2019


Der Regen prasselte an die Scheibe, als wären es keine Tropfen, sondern wütende Geschosse, die das Glas zum Zerbersten bringen wollten. Die Niederschläge der letzten Tage hatten den Zufahrtsweg aufgeweicht. Schlammige Pfützen füllten die Schlaglöcher in der Erde.

Seltsam. Wenn Franzi auf Reisen war, störte sie der Regen selten. Sie erinnerte sich an den warmen Schauer in den Weinbergen der Toskana. An den Wolkenbruch, der sie in Singapur überrascht hatte. Innerhalb von Sekunden war sie bis auf die Haut durchnässt gewesen, und es hatte ihr nichts ausgemacht. Der peitschende Sturm, der beim Campen in den Pyrenäen an der Plane ihres Zeltes gerüttelt hatte, war ihr als ein guter Grund erschienen, sich eng an ihren Begleiter zu schmiegen.

Das Treiben vor dem Fenster draußen verhieß dagegen kein Abenteuer, keine Romantik. Franzi fröstelte.

Gleich musste sie wieder hinaus, um die letzten Möbel, die ihre Eltern mitnehmen wollten, in den Transporter zu laden.

Ihr Blick verweilte noch für einen Moment auf den grünen Weiden hinter ihrem Elternhaus, die durch den Schleier des Regens dunkel und schmutzig wirkten.

Die letzte Kuh hatten die Eltern schon vor einigen Wochen verkauft, jetzt hatte auch der Hof einen Abnehmer gefunden.

Dieser war nach dem Arbeitsunfall ihres Vaters zur Last geworden, die Landwirtschaft für ihre Mutter Irina allein nicht mehr zu bewältigen.

Schweren Herzens hatten sich die Eltern entschlossen, ihr Heim zu verkaufen. Franzis Geschwister lebten in der Nähe und waren an diesem Tag gekommen, um dabei zu helfen, das Haus auszuräumen. Sie selbst hatte ihren Aufenthalt in Amsterdam abgebrochen, um ihren Eltern daheim unter die Arme zu greifen.

Daheim.

Zu Hause fühlte sie sich hier längst nicht mehr, obwohl sie zwischen ihren Reisen häufiger auf dem Hof im Ostallgäu unterschlüpfte. Meist zog es Franzi bereits nach wenigen Tagen wieder fort. In die Fremde, in der sie ihre Sehnsucht nach Abwechslung und Abenteuer stillen konnte.

Der Drang nach Freiheit meldete sich auch jetzt wieder mit einem beklemmenden Gefühl in der Brust. Sie atmete tief durch, konzentrierte sich darauf, wofür sie gekommen war.

»Sieh nach, ob du etwas behalten willst, der Rest kommt in den Container.« Mit diesen Worten hatte ihre Mutter Franzi in ihr altes Kinderzimmer geschickt.

Unten polterte es. Franzi hörte ihren Bruder fluchen und die Stimme ihrer Schwester, die ihn zurechtwies. Es roch nach gerösteten Zwiebeln, die in der Pfanne für ein deftiges Mittagessen brutzelten.

Franzi ließ ihren Blick durch den Raum schweifen, der ihr nun klein und beengt vorkam. Als Kind hatte sie sich darin verloren gefühlt. Die Bettdecke bis zur Nasenspitze gezogen, hatte sie die Muster der Vorhänge betrachtet, die sich im Mondlicht in unheimliche Kreaturen verwandelten. Sie erinnerte sich, wie sie sich gezwungen hatte, die Augen zu schließen, und ängstlich den Geräuschen des Hauses gelauscht hatte, die ihr eigentlich vertraut waren – das Knacken des Gebälks, das Quietschen des kaputten Fensterladens im Wind. Wenn die Katze die Mäuse über den Dachboden jagte, drangen Laute wie von einem fernen Galopp zu ihr herunter. Damals hatte ihr Herz vor Aufregung gepocht.

Meistens war sie dann zu ihrer Schwester S