Kapitel 1
Mehr als sonst reflektierte das Meer an diesem Abend das Leuchten des beinahe perfekten Vollmondes und warf ein schwaches weißes Licht durch das kleine Fenster in Paulas Kajüte. Mit angezogenen Beinen saß sie auf dem grauen Teppichboden und hatte erschöpft Rücken und Kopf gegen das Bett gelehnt, während sie ihrer besten Freundin schmunzelnd dabei zuhörte, wie sie über den bevorstehenden Urlaub in der Toskana sprach.
»Und es wird sicher nichts dazwischenkommen? Du wirst die vollen zehn Tage da sein?«, wollte Sarah nun schon zum dritten Mal in diesem Telefonat von Paula wissen. »Meinen dreißigsten Geburtstag ohne dich zu feiern – allein beim Gedanken daran krieg ich schlechte Laune.«
Paula schnaubte amüsiert. »Wenn ich es doch sage. Ich habe schon vor einem Dreivierteljahr den Urlaub eingereicht und das Flugticket seit Ewigkeiten gebucht. Es wird nichts schiefgehen oder dazwischenkommen. Bei meiner Küchencrew habe ich sogar schon so oft den Trip in die Toskana angekündigt, dass selbst die schüchternen Praktikanten mittlerweile mit den Augen rollen, weil sie es nicht mehr hören können.«
Sie grinste, als sie an ihr elfköpfiges Team dachte. Seit fast einem Jahr war sie nun die neue Küchenchefin in einem von drei separaten Gourmet-Restaurants auf derMS Sognare, die den Passagieren eine Abwechslung zu den sonstigen All-inclusive-Restaurants an Bord boten.
Obwohl Paula all die Jahre zuvor selbst in den gigantischen Hauptküchen verschiedener Kreuzfahrtschiffe gearbeitet hatte, die für ebenjene großen Restaurants zuständig waren, und dabei beinahe alles gelernt hatte, was sie heute konnte, war sie doch mehr als glücklich über ihre jetzige Anstellung. Hier konnte sie sich endlich richtig entfalten und eigene Entscheidungen treffen. Außerdem hatte sie die Möglichkeit, ihr Team so zu führen, wie sie es für richtig hielt.
Paula war es wichtig, dass es bei ihr am Herd nicht zuging wie in diesen Teufelsküchen, in denen sich die Leute gegenseitig anschrien, die Praktikanten Panik hatten, Fehler zu machen, und jährlich mindestens ein Angestellter einen schweren Burn-out erlitt. Und sie war ziemlich stolz darauf, dass ihr Team eine hervorragende Qualität auf die Teller brachte, auch wenn sie ihre Leute nicht anbrüllte. Das alles bedeutete jedoch nicht, dass es in ihrer Küche nicht diszipliniert zuging.
»Meinst du Arturo? Rollt er mit den Augen?«, erkundigte sich Sarah und unterbrach damit Paulas Gedankengang. Sarah vergaß einfach nie etwas, was Paula bei ihren regelmäßigen Telefonaten oder den seltenen Treffen erzählte, und sei es ein noch so unwichtiges Detail.
»Genau der. Seit er sein Heimweh nach Italien überwunden und uns ein bisschen kennengelernt hat, blüht er richtig auf in der Küche. Ich glaube, er brauchte einfach etwas Zeit bei uns an Bord.«
Sarah lachte. »Dann ist er bei dir ja gut aufgehoben. Du brauchst schließlich auch eine gefühlte Ewigkeit, bis du dich jemandem gegenüber öffnest.«
Paula fummelte das Haargummi, das ihre kupferroten Locken bis eben zusammengehalten hatte, aus ihnen heraus. »Ich bin schon lange nicht mehr so schlimm wie in der Grundschule … Und in der Küche ist das sowieso etwas ganz anderes«, protestierte sie.
»Ja, ja, weiß ich doch. Ach, mir ist das ein Rätsel, wie ihr das alle aushaltet, andauernd unterwegs und nie zu Hause zu sein … Und dann diese winzigen Kabinen mit Miniguckloch. Oder, noch schlimmer, ganz ohne Fenster. Hannes und mir war das schon nach einer Woche viel zu beengt.« Sarah spielte damit auf den Urlaub vor einigen Jahren an, als die beiden Paula auf ihrem damaligen Kreuzfahrtschiff besucht hatten.
Paula ließ den Blick durch den Raum schweifen. Neben ihrem Bett befand sich ein Bullauge, um das herum farbenfrohe Fotos von ihren vielen Reiseerlebnissen klebten. Durch das kleine Fenster konnte sie bereits morgens, wenn sie aufwachte, direkt das glitzernde, dunkelblaue Wasser sehen. Allein dafür – immer umgeben zu sein von den unendlichen Weiten d