: Sven Heuchert
: Kleiner Glanz
: duotincta
: 9783946086635
: Kurzstrecke
: 1
: CHF 12.60
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 180
: DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
'Er sitzt auf der Hollywoodschaukel, die sich nicht bewegt, die stillsteht. Ich spüre das kurz geschnittene Gras unter meinen nackten Füßen. Er lächelt, als ich mich neben ihn setze. Der Plastiküberzug der Kissen drückt sich kalt gegen meinen Rücken. Ich atme den Rauch seiner Zigarette ein. Mein Herz beginnt schneller zu schlagen. Die Glühbirne gibt ein leises Summen von sich, und irgendwo draußen in der Dunkelheit bellt ein Hund.' Ein Trinker, der ziellos durch die Nacht fährt, auf der Flucht vor der Vergangenheit und dem ersten Schluck. Ein Rentner, der sein Dasein in einem Billardsalon fristet, um dort ein Spiel nach dem anderen zu verlieren. Ein junges Mädchen, das sich auf der Suche nach Liebe und Zuneigung in einer düsteren Sackgasse verirrt. Sven Heuchert erzählt verknappt und prägnant. Schlaglichter, minimalistische Charakterstudien, einfühlsame Porträts, die sich zu einem großen Ganzen zusammenfügen. Geschichten über Niederlagen, die niemand sieht, und über den Stolz, einfach weiterzumachen.

Sven Heuchert, geboren 1977 in der rheinländischen Provinz. 1994 dann Lehre, seitdem in Arbeit. Erste Kurzgeschichte 'Zinn 40' noch in der Schule. Mit neunzehn Umzug nach Köln. Liebe, Reisen, kleine Niederlagen, große Niederlagen. Rückkehr in die Provinz. Mehrere Veröffentlichungen bei Ullstein und Bernstein. Einen Preis.

Am Engk vun der wieße Ling



Ich bin seit ein paar Wochen raus aus der Eschenberg-Wildpark und habe gedacht, diesmal bleibe ich weg vom Saft. Aber es kriecht in mir hoch wie schlechter Atem. Vor Jahren hat mir ein stationärer 35er gesagt, er setze sich in Bewegung, wenn der Saufdruck kommt. Weglaufen vor dem ersten Schluck. Kannst ja nicht immer mit Flacker in den Pfoten rumsitzen, die Wände anstarren oder tote Fliegen zählen. Dein Gehirn schiebt dir irgendwann doch wieder die alte Floppy Disk rein – und da ist noch alles drauf, jeder süße Nektar, von dem du jemals gekostet hast.

  

Meine Mutter sitzt in der Küche, auf dem Tisch der Stadt-Anzeiger und eine Tasse Kaffee. Sie zuckt mit der Schulter und sagt: »Ich seh’ nur was aus dem Fenster.«

Ich nehme eine Zigarette aus ihrer Schachtel, sie raucht Peer 100. »Mach das manchmal auch, einfach so Leute beobachten«, sage ich, obwohl das nicht stimmt. In letzter Zeit starrt sie für meinen Geschmack zu oft aus dem Fenster, außerdem übertreibt sie es mit dem Melissengeist. Ich sehe die Flaschen nie, die hält sie in ihrem Schmuckschränkchen versteckt, und damit ich nicht auf Gedanken komme, schließt sie die Schlafzimmertür ab, selbst wenn sie Zigaretten unten vom Büdchen holt. In ihrem Atem, da rieche ich die Dosis, die sie jeden Morgen löffelt.

»Was möchtest du von mir?« Sie streicht sich mit der Hand über den Kopf, eine Strähne löst sich aus dem Haarknoten im Nacken.

»Nur den Wagen«, sage ich und sehe sie nicht an dabei, ich sehe woanders hin, in die Spüle, die voller gebrauchter Kaffeebecher und schmutziger Teller ist.

»Wofür brauchste den Wagen?« Sie murmelt die Worte, als sei sie unendlich müde, und dann sehe ich sie doch an.

»Was durch die Gegend fahren. Nur so.«

»Nur so?«, wiederholt sie und hebt die Augenbrauen. Da ist ein Rest Lidstrich, wie eilig weggewischt.

»Ja«, sage ich. »Bisschen auf andere Gedanken kommen. Geh’ doch kaputt, wenn ich immer nur in der Bude häng’.«

Sie atmet aus und legt ihre schmale Hand auf die Zigaretten. »Wie lange willst du noch bleiben?« Sie hält die Hand so auf der Schachtel, dass ich nur die 100 erkennen kann. Was für eine Zahl, denke ich, einhundert. Hundert Bier. Hundert Kippen. Hundert schlechte Ficks, halb besoffen auf durchgelegenen Matratzen. Hundert Tage, solange war ich im Rattenbau, belagert von Weißkitteln und Pappenschmeißern, und alle wollten was von mir, alle wollten einen Teil aus mir herausreißen, um ihn für sich zu behalten.

»’ne Woche«, sage ich, »dann wird’s schon gehen.«

Sie fährt mit dem Ellenbogen über die Tischplatte, und das Geräusch macht mir eine Gänsehaut. »Schlüssel ist im Flur, du weißt ja wo. Und hier!«, sie hebt den Zeigefinger, spricht dann leise weiter, »Du weißt, was ich meine, ne?«

»Nee, was denn?«

»Nich auf dumme Gedanken kommen, ja?« Eine weitere Haarsträhne löst sich, jetzt sieht sie wie ein Mädchen aus, ein ganz junges mit zwei lustigen Zöpfen, und wenn ich die Augen zusamme