: Sylvia Madsack
: Enriettas Vermächtnis Roman
: Pendragon Verlag
: 9783865327642
: 1
: CHF 17.10
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 288
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Wenn ein Erbe dunkle Geheimnisse ans Licht bringt. Alles beginnt mit einem Ende - mit dem Tod der hochbetagten Enrietta da Silva, einer weltweit geschätzten und wohlhabenden Autorin aus Buenos Aires. Kurz darauf sitzen in Zürich zwei Menschen vor Enriettas Testamentsvollstrecker: Emilio, ein konservativer Arzt aus Argentinien, und Jana, eine unkonventionelle Schauspielerin aus Salzburg und Ziehtochter der Verstorbenen. Überraschend kommen sich Emilio und Jana näher. Bis plötzlich Armando da Silva in Zürich auftaucht, Enriettas leiblicher Sohn - ein ungeliebtes, von ihr totgeschwiegenes Kind mit einer zwielichtigen ­Biografie. Er sei gekommen, um sein Erbe zu beanspruchen, sagt er, doch es geht ihm um sehr viel mehr. Denn Enriettas Vermächtnis birgt ein dunkles Geheimnis ...

Sylvia Madsack wurde in ­Hannover geboren, studierte Psychologie, arbeitete als Journalistin und übersetzte für verschiedene Buchverlage aus dem Französischen und Englischen. 2008 erschien der ­erste Graf-Stanislaw-Roman 'Melodie der Nacht', es folgten 'Tausend Augen hat die Nacht' und zuletzt 'Hymne an die Nacht'. Sie lebt in Zürich und Salzburg.

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Es war eine Adresse seitlich der Bahnhofstraße in der Nähe des Sees, ein gut erhaltenes mehrstöckiges Gebäude mit Türmchen und Giebeln, das wie die gesamte Häuserzeile der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu entstammen schien. Emilio Volpe wusste nicht viel über europäische Baustile, dieser war wohl als klassizistisch zu bezeichnen und stand für die Epoche einer Stadt, die es während der Industrialisierung zu großem Wohlstand gebracht hatte.

Er ging in den zweiten Stock hinauf.Dr. Andreas Leuthard& Partner, Rechtsanwälte, las er auf dem Schild. Er wartete, bis sich sein Atem beruhigt hatte, bevor er auf die Klingel drückte. Die Tür schwang auf, und eine junge Frau in einem dunklen Kostüm lächelte ihn an. Sie begrüßte ihn auf Englisch und bat ihn herein. Nachdem sie ihm den Mantel abgenommen hatte, sagte sie mit dem gleichen Lächeln, Dr. Leuthard werde gleich bei ihm sein. Ob er Platz nehmen wolle? Und ob sie schon ein Getränk vorbereiten dürfe?

Er bedankte sich, später vielleicht. Während sie hinter einer Tür verschwand, blickte er sich um. Es gab einiges zu sehen. Die Anwaltspraxis war weitläufig, sehr modern eingerichtet und mit Repliken bekannter Designermöbel ausgestattet. Zeitgenössische Kunst hing an den Wänden, sehr gute Stücke, wie er bei näherer Betrachtung entdeckte, davon verstand er etwas, er war selbst Sammler.

Ein hochgewachsener, sehr schmaler Mann mit spitzen Gesichtszügen eilte auf ihn zu und reichte ihm die Hand.

„Grüezi, Herr Doktor, ich bin Andreas Leuthard. Willkommen in Zürich. Verzeihung, vielleicht ist es Ihnen lieber, wenn wir uns auf Englisch unterhalten?“

„Ja, mein Deutsch ist nicht gut genug für eine solche … Angelegenheit.“

„Selbstverständlich.“ Leuthard machte eine einladende Geste und ging voraus in sein Büro, in dem Kunst nicht nur an den Wänden zu finden war, sondern auch auf dem Schreibtisch, verspielt angeordnete kleinere Objekte und ein Mobile von Calder. Er deutete auf den Sessel gegenüber. „Bitte.“

Die Assistentin schwebte herein, beide Männer baten nun um Espresso und Wasser. Sie rührten in ihren Tassen, bis Leuthard den Blick hob, sich räusperte und begann: „Herr Dr. Volpe, dürfte ich zunächst um Ihren Pass bitten, damit wir eine Kopie für unsere Unterlagen machen können? Nur eine Formalität natürlich“, sagte er in fehlerlosem Englisch und mit gewinnendem Lächeln. Wortlos wurde das Dokument überreicht. Leuthard warf einen Blick darauf. „Ja, alles bestens. Dr. Emilio Volpe, geboren 1962, wohnhaft in Buenos Aires, Argentinien, Beruf Arzt.“ Er stutzte einen Moment. „Volpe klingt für mich nach einem italienischen Namen.“

„Ein Teil meiner Familie stammte aus Norditalien, aus dem Friaul, das ist mehrere Generationen her.“

„Ich verstehe“, murmelte Leuthard. Er zog eine Mappe mit Papieren hervor, legte sie auf den Schreibtisch und sah seinem Gegenüber ins Gesicht.

Aus der Nähe erschien der Anwalt weniger jugendlich, als sein Auftreten es vermuten ließ, ein Experte wie Emilio Volpe wusste die Zeichen zu deuten, er erkannte in jedem Gesicht das erbarmungslose Wirken der Schwerk