: Andrea Paluch
: Gipfelgespräch Roman
: Ellert& Richter Verlag
: 9783831910441
: 1
: CHF 16.20
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 160
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Das Leben ist ein Berg, mit seinen Höhen und Tiefen. Auf dem Zenit ihres Lebens unternimmt eine Frau eine Wanderung. Und begegnet sich selbst. Die Stimmen der Vergangenheit verbinden sich zu einem Gespräch über das Leben, darüber Frau zu sein, Frau in diesem Leben zu sein. Was anderen Midlife-Krise ist, führt sie als Gipfelgespräch. Unbewusstes wird bewusst. Vergessenes erinnert. Aus einem Chor von Erinnerungen und Reflexionen, alltäglichen Beobachtungen und theoretischen Überlegungen entsteht das Abbild eines weiblichen Bewusstseins im 21.Jahrhundert.

Andrea Paluch, geboren 1970 in Hannover, studierte Anglistik und Germanistik in Hannover, Freiburg i.Br., Roskilde und Hamburg, wo sie im Jahr 2000 mit einer Arbeit zur zeitgenössischen britischen Lyrik promovierte. Seitdem ist sie als Schriftstellerin tätig und hat mehrere Romane für Erwachsene, Jugendliche und Kinder geschrieben, davon viele in Zusammenarbeit mit Robert Habeck. Andrea Paluch ist verheiratet und hat vier erwachsene Söhne. Im Ellert& Richter Verlag ist Ihr Buch Zwischen den Jahren lieferbar.

In dem Moment, als die Kinder nicht mehr bei ihr wohnten, war ihr austariertes Leben zu Ende. Fast zwei Dekaden lang waren die Waagschalen voll gewesen. Jetzt war eine davon leer und schnellte nach oben. Die andere wurde zu Ballast. Damit hatte sie nicht gerechnet. Ihr Leben hatte Schlagseite bekommen. Sie musste etwas in die leere Waagschale werfen, damit es wieder ins Gleichgewicht kam. Sie war fünfundvierzig Jahre alt. Statistisch gesehen würde sie noch vierzig Jahre leben. Zu lange, um nur Lücken zu füllen. Sie hatte Querflöte zu spielen gelernt, Sprachen und Literatur studiert, bestimmt tausend Bücher gelesen, zwei Kinder von zwei verschiedenen Männern bekommen. Und jetzt gab es da diese Leerstelle. Wohin mit ihrer Zeit und Kompetenz? Was konnte sie eigentlich? Was konnte sie eigentlich tun? Genau genommen, war es geboten, sich zivilgesellschaftlich oder politisch zu engagieren. Das hatte sie jedoch erst nach den letzten zwanzig Lebensjahren verstanden. Als ihr Doktorvater ihr bei der Urkundenüberreichung gesagt hatte, sie gehöre nun zur intellektuellen Elite, war ihr das peinlich gewesen. Sie hatte die in diesem Satz implizierte Verantwortung nicht verstanden, ja, noch nicht einmal wahrgenommen. Alles was sie gehört hatte, war ein Kompliment. Verantwortung war ihr weit weg vorgekommen und erst konkret geworden, als sie Kinder bekam. Und da diese nun in ihr eigenes Leben aufgebrochen waren, konnte die Gesellschaft zu ihrem Recht kommen. Hatte die Gesellschaft überhaupt ein Recht? Wollte sie ihre Zeit wirklich mit Leuten verbringen, die sie sich nicht aussuchen konnte?

Damit hatte sie nicht gerechnet. Allein zu sein, hatte etwas bei ihr ausgelöst, unerwartet heftig und unkontrollierbar. Sie fühlte sich verlassen, blutete von innen. Dieser Zustand musst