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Kofferpacken
Rosa Fink betrachtete sich von allen Seiten in den drei verspiegelten Türen ihres Kleiderschranks. Die Jeans schmiegte sich wie eine zweite Haut an Oberschenkel und Po, jede Rundung betonend. Höchst unvorteilhaft betonend. Sie bekam weder Reißverschluss noch Knopf zu. Bauch einziehen und Luftanhalten brachten nichts. Trotz des Stretchmaterials klaffte ein Spalt von mindestens einem Zentimeter. Seufzend schälte Rosa sich aus der Pelle. Sie tauschte die einstige Lieblingsjeans, die noch vor vier Jahren geschmeidig ihre Hüften umspielt hatte, gegen ihre atmungsaktive Freizeithose in abscheulichem Rentnerinnen-Beige. Es wurde Zeit, der Wahrheit ins pausbäckige Gesicht zu sehen. Das alte Beinkleid würde sie nicht in den Koffer packen, sondern im Altkleidercontainer entsorgen. Es war passé, ein für alle Mal.
Offenbar versuchte ihre Konfektionsgröße sich den vollendeten Lebensjahren anzunähern. Oder war es vielleicht umgekehrt? Mit 36 hatte sie noch in 36 gepasst, jetzt steuerte sie stramm auf die 46 zu, sowohl konfektionsgrößen- als auch altersmäßig. In dem Takt würde es nicht ewig weitergehen, irgendwo hatte auch XXL-Size mal ein Ende. Aber wo? Da Rosa den Dingen gern spontan auf den Grund ging, ergriff sie ihr Handy, das sie neben dem geöffneten Koffer auf dem Bett abgelegt hatte, und tippte in die Google-Suchleistegrößte Hosengröße Damen ein. Ihre Recherche ergab, dass nach 62 nichts mehr kam. Das traf wahrscheinlich auch im übertragenen Sinne zu. Es wurde höchste Zeit, entschlossen gegenzusteuern.
Genau das gedachte sie in den nächsten zwei Wochen zu tun, und zwar am Jadebusen. Im Nordseebad Dangast würde sich reichlich Gelegenheit zu ausgedehnten Wattwanderungen ergeben, nach denen sich dann jedoch leider die Einkehr ins Kurhaus zwecks Verköstigung des legendären Rhabarber-Baisers verbot. Die warm aus dem Ofen servierte Spezialität des Hauses galt als meistverspeister Kuchen Frieslands. Man konnte ihn sich auch zum Mitnehmen einpacken lassen, um ihn zum Beispiel allein in der Nähe am Strand zu genießen, im Schatten eines knapp vier Meter hohen steinernen Kunstwerks. Es besaß die Form eines Penis und wurde vom Meer im auf- und abebbenden Rhythmus der Gezeiten sanft umspült. Der Schöpfer hieß Eckart Grenzer, seine Skulptur hatte er Grenzstein genannt. Wie enttäuschend einfallslos, da hätte es doch weitaus kreativere Namen gegeben. Beim Gedanken an den stattlichen Granit-Phallus kam ihr Sebi in den Sinn. Sie schickte ihm eine Nachricht über WhatsApp.
Koffer ist gleich fertig gepackt, es kann also pünktlich losgehen. Wir sehen uns morgen im Kurhaus? Ich bin übrigens im Urlaub auf Diät. Versuch nicht, das zu sabotieren.
Ohne auf eine Antwort zu warten, beschäftigte sie sich weiter mit Packen. Seit neun Jahren machte sie nun schon in Dangast Urlaub, immer nach den Osterferien. Neben unzähligen Stücken Rhabarber-Baiser hatte auch das friesische Feingebäck aus der Patisserie ihrer Zimmerwirtin Wiebke Janssen in diesen neun Jahren den Weg in ihren Magen gefunden, um sich anschließend klammheimlich Schicht für Schicht auf Hüften und angrenzenden Regionen niederzulassen. Bald würden ihre Kurven die ausladenden Dimensionen des Bergischen Landes erreicht haben. Darum war es dringend erforderlich, sich diesmal am Wattenmeer in Verzicht zu üben, auch wenn Sebi an ihrer Üppigkeit nicht das Geringste auszusetzen hatte, wie er immer wieder gern betonte. Doch Sebi war nun mal anspruchslos. Wenn sie es recht bedachte, beschrieben ihn Wörter mit der Endung -los generell am besten. Und zwar quer durchs Alphabet:Bedenkenlos, charakterlos, ehrlos, formlos, gefühllos, herzlos, kampflos, lustlos, maßlos, nutzlos, pietätlos, rücksichtslos, schamlos, taktlos, verantwortungslos, willenlos, zügellos – alle diese -los-Wörter trafen ins Schwarze und hatten dazu geführt, dass Sebastian Fink seit nunmehr bald einem Jahrzehnt ihr Ex-Gatte war.
Unfreiwillig, wie er ebenfalls nicht müde wurde zu betonen. Er hatte mal vor elf Jahren freiwillig auf einer Weihnachtsfeier im Polizeipräsidium zu ti