Kapitel eins
Erste Nacht auf der Robinsoninsel
Die Gruppe hat sich locker im Wohnzimmer verteilt. Niemand weiß, was er sagen soll, und wir können uns nicht ansehen, doch wir teilen einen Gedanken. Er verdrängt alles andere in unseren Köpfen, zeichnet sich auf unseren Gesichtern ab und lähmt unsere Glieder, doch niemand wagt es, ihn auszusprechen.
Es ist Maik, der die Stille bricht. »Was machen wir mit der Leiche?«
Andi sieht auf. Er muss sein Regie-Klemmbrett irgendwo liegen lassen haben und jetzt hat er nichts mehr, an dem er sich festhalten kann. »Wovon sprichst du?«
Maik verdreht die Augen. Er macht das ständig. Es muss daran liegen, dass er doppelt so schlau ist wie der Rest von uns. »Die Karibik hat ein tropisches Klima. Feucht und heiß, sogar jetzt im März. Wir haben keine Ahnung, wie lang diese Leiche schon liegt, aber eines ist sicher: Es wird nicht lange dauern, bis sie anfängt zu stinken.«
Daran habe ich noch gar nicht gedacht.
»Wir sollten sie kühlen«, sagt Oliver, als sei das seine Idee gewesen. Er zupft an dem Kragen seines Poloshirts.
Maik hebt die Mundwinkel. Offenbar denkt er das Gleiche wie ich. »Guter Gedanke. Und wie könnten wir das machen?«
»Es gibt eine Kühltruhe in der Küche«, erwidert Annika, die im Lotussitz auf dem Sofa sitzt. Die Hände mit den vielen silbernen Ringen ruhen auf ihren Oberschenkeln und sie wirkt so entspannt, als hätte sie gerade mehrere Stunden meditiert. Vielleicht hat sie das auch. So etwas wie ein Mord bringt sie nicht so schnell aus der Ruhe.
»O nein«, ruft Astrid und springt auf, die Hände in die Seiten gestützt. »Nein, auf gar keinen Fall. Wir werden die Leiche nicht dort verstauen, wo wir alle essen.«
Annika sieht sie ungerührt an. »Warum? Was ist der Unterschied zwischen einer Leiche und dem Fleisch, das du andauernd isst?«
»Ihr habt recht, wir sollten ein wenig über Veganismus diskutieren«, wirft Maik ein. »Soll ich das Flowchart holen, damit wir Pro und Kontra erörtern können?«
Oliver hebt die Hände. »Keinen Streit jetzt. Wir brauchen eine Lösung.«
Andi räuspert sich und nestelt am Saum seines T-Shirts herum. Er ist das einzige Mitglied des Filmteams, das noch übrig ist, scheint aber froh darüber zu sein, dass Maik die Verantwortung für die Situation übernommen hat. »Es gibt noch eine Eismaschine im Keller. Daneben ist ein Reservoir für das Eis, damit es länger hält. Dort sollte man eine Leiche verstauen können, denke ich.«
»Perfekt. Und wer hilft mir beim Tragen?« Maik wirft einen auffordernden Blick in die Runde.
»Wartet! Was ist mit dem Tatort? Wenn wir die Leiche einfach wegschaffen, dann kann die Polizei keine Spuren mehr sichern.« Oliver sieht Maik herausfordernd an.
Der lächelt. »Gutes Argument. Du hast nur eine winzige Kleinigkeit vergessen. Wir sitzen hier fest. Wir sitzen noch zehn verdammte Tage auf dieser dreckigen Insel fest. Wenn wir die Leiche liegen lassen, sind alle Spuren verschimmelt, ehe auch nur ein Cop den Fuß auf den weißen Sandstrand setzt. Wir können Fotos machen, wenn wir eine Kamera haben, und danach werfen wir die Leiche in den Eiscontainer. Keine Diskussionen.«
Andi nickt. »Ich habe eine Handkamera dabei.«
»Dann sollten wir es hinter uns bringen«, sagt Oliver. »Maik, Felix, helft ihr mit?«
»Klar«, erwidert Felix. Er hat die Arme vor seiner breiten Brust verschränkt und sieht nicht besonders glücklich darüber aus, sich an der Aktion beteiligen zu müssen. Natürlich würde er das nie im Leben zugeben.
Astrid stöhnt. Sie hat sich wieder zurück auf das Sofa fallen lassen und nestelt an den Knöpfen ihrer hochgeschlossenen Bluse herum. »Könnt ihr sie bitte in eine Decke einwickeln, bevor ihr sie quer durchs Haus tragt? Nicht dass ihr noch irgendwelche Blutspuren hinterlasst.«
»Wir können die Bettdecke aus ihrem Zimmer nehmen«, schlägt Maik vor.
Ich habe ihr Gespräch schweigend verfolgt und frage mich, wie das alles sie so kaltlassen kann. Ein Mensch ist gestorben. Ein Mensch, den wir alle gekannt haben. Und es war ein Mord. Vielleicht ist das eine Form des Schocks. Vielleicht können sie so leichter damit umgehen. Mir ist es lieber, auf dem Sofa sitzen zu bleiben und meine Hände in mein