: Sylvia Kling
: Ab 40 wird's eng! Roman
: BC Publications
: 9783941717503
: 1
: CHF 6.20
:
: Erzählende Literatur
: German
: 300
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
'Der Beginn vom schaurigen Ende der Spätpubertät' ist das Zerschellen der weiblichen Sehnsüchte und Träume an den Beziehungen, der Mutterschaft, den Idealen von Schönheit und gesellschaftlichen Zwängen. Unliebsame Körperproportionen, knackarschige Männer, Blumenkohl als Frisurvorlage und Sportfrauen mit bestandenem Gesellschaftstest stehen Freundinnen an ihrem letzen Weg, verstaubten Gitarren, Kindern mit Gymnasialabschluss sowie Back- und Kochleidenschaften für letztere gegenüber. Überdrüssig, sich die Alltäglichkeiten als Erlebnis unter die Haut zu schieben, beginnt die Protagonistin mit der Suche nach dem Bleibenden: außerhalb und innerhalb ihrer selbst. Die Frau, die ihren 40sten passiert, erlebt und sich neu entdeckt, wird in diesem Roman so lebendig, dass ihre lustige als auch ernste Clique den Leser zu ungehemmten Lachausbrüchen verführen vermag: in die vergangene Zeit der Jugend, die Blues-Bars von heute, die heimischen Betten und Küchen, die weißen Krankenzimmer sowie in die gnadenlosen Geschäfte für modische Damenbekleidung. Es ist weit gefehlt, wenn man denkt, nach den Jahren der Erziehung von Kind und Mann hätten selbige den Humor verloren. Dieser frech einfühlsame Roman beweist lustvoll das Gegenteil.

Die Dresdnerin Sylvia Kling, geb. 1967, fasziniert das geschriebene Wort seit ihren frühen Jugendjahren. Ihre Worte gehen nicht nur unter die Haut, sondern mitten ins Herz. Mit diesem versteht es die Autorin auch zu schreiben: unaffektiert und menschlich, der Liebe, Heimat und Natur verbunden. Ihr kritischer Blick auf die gesellschaftlichen Zustände unserer Zeit ist gefragt. Die Autorin erobert im Sturm die Herzen und Seelen ihrer Zuhörer in Lesungen auch außerhalb ihrer Heimat Sachsen. Sylvia Kling im Netz: sylvia-kling.net

Der Beginn vom schaurigen Ende
meiner Spätpubertät


Es war ein Tag wie jeder andere, so glaubte ich jedenfalls. Ich stand am Morgen auf und bereitete meinem achtjährigen Sohn Julian das Frühstück zu. Mein Mann Harry rief, wie jeden Morgen, den Kleinen: »Hey! Mach hin, es geht gleich los!« und lief im Korridor hin und her, um alle seine Utensilien einzusammeln. Ich gab meinem Mann ein Küsschen und auch Julian, der mich mit seinen wachen, lustigen Augen ansah und versuchte, seinen monströsen Schulranzen auf den kleinen Rücken zu wuchten. Ich schloss die Tür und sah am Küchenfenster, wie das Auto davonfuhr. Es war alles wie immer. Heute ging es mir gut und ich beschloss, den Tag nicht mit lästigen Hausarbeiten zu vergeuden, sondern ihn einzig und alleinmir zu widmen. »Ich mache meine Haare schön, creme mich ein, zupfe meine Augenbrauen, ziehe mich mal etwas besser an als sonst und fahre ins Einkaufszentrum, um endlich nach meinen Traumschuhen für das nächste Frühjahr zu schauen. Diesen Monat muss ich mir unbedingt wieder etwas gönnen«, sprach ich selbst mir zu, als ob ich mich vergewissern müsste, dass ich das Recht dazu hatte.

Ich sprang unter die Dusche, wusch meine Haare, cremte mich ein und spann einen Faden beschwingter Gedanken. Ein neues Tuch könnte ich auch mal wieder gebrauchen. Ich wusste, dass ich mindestens 20 Tücher besaß und doch nur ungefähr acht davon trug, war aber der absoluten Überzeugung, dass ich das nächste Tuch ganz besonders lieben würde. Es war also alles wie immer.

Im Schlafzimmer war ich bereit für diesen wundervollen Tag, an dem ich mich nach monatelanger Krankheit wie neu geboren fühlte. Die Sonne blinzelte etwas schüchtern durch die Vorhänge hindurch. Es war ein milder Winter, der mich trotzdem – wie immer – etwas schläfrig und düster stimmte. Ich warf meinen Bademantel von mir und begann, meinen Kleiderschrank nach geeigneter Garderobe zu durchstöbern: schwarz, braun, grün, schwarz, schwarz, weiß, weiß, dunkelrot, schwarz, schwarz, schwarz. Wieder wurde mir bewusst, wie eintönig meine Kleidung war. Ich entschloss mich, mich jetzt nicht weiter zu quälen und wählte ein weißes Oberteil im Babydoll-Schnitt. Die Monate während meiner Erkrankung trug ich meistens »bessere« Jogginghosen. Mehr brauchte ich in dieser Zeit nicht. Ich führte beinahe das Leben einer Einsiedlerin. Nicht, dass ich es so wollte, nein, ich wurde dazu gezwungen. Es gab Wochen, da glaubte ich, die anderen Menschen da draußen würden mein Leben mit leben. Wie sie lachten, wie sie sich bewegten, wie sie die Frechheit hatten, einfach gesund zu sein! Damit war jetzt Schluss. Der Krankheit hatte ich gezeigt, wo es langging und dass ich keine Frau war, die man einfach so mit Fieberattacken, Lungenentzündungen, Nierenbeckenentzündungen und sonstigen Immunschwächen malträtieren konnte. Das warmein Leben und ich beschloss, es mir zurückzuholen.

Die Hose, die ich für diesen Tag tragen wollte, war keine Jeans, sondern die einzige und wundervollste schwarze Baumwollhose, die ich jemals besessen hatte. Euphorisch wählte ich in Gedanken mein Schuhwerk aus: schwarze Stiefeletten mit kleinen Absätzen. Ich war sowieso meistens größer als die anderen Frauen, trug also selten oder nie hohe Absätze. Zufrieden wollte ich nun die Anprobe starten. Ich streifte vorsichtig das weiße Oberteil über meinen Kopf, was sich als schwierig erwies, denn ich hatte vergessen, den Handtuchturban vom Kopf zu nehmen. Unbeirrt und geduldig fädelte ich meinen Kopf durch die Öffnung des Oberteiles. Irgendetwas stimmte plötzlich nicht. Das Teil umspielte nicht meinen Körper, wie es das getan hatte, als ich es kaufte, sondern klebte regelrecht an meinem Busen, dem Bauch und den Hüften. Ich hatte das Gefühl, es würde mich zerquetschen. Instinktiv wollte ich dieser Tatsache aus dem Weg gehen. »Es ist eingelaufen«, redete ich mir ein. Es war wirklich schwer, sich selbst so großartig zu belügen. Vor allem hinkte diese Lüge, da ich das Teil nie gewaschen hatte.

Die Hose lag vor mir. I