: Florian Knöppler
: Kronsnest Roman
: Pendragon Verlag
: 9783865327611
: 1
: CHF 5.80
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 448
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ein holsteinisches Dorf in den 20er Jahren: Das Dorf und der kleine elterliche Hof in der Elbmarsch sind seine ganze Welt: Der empfindsame ­Hannes ­leidet unter seinem gewalttätigen, unberechenbaren Vater und den Schikanen in der Schule. Zuflucht findet er allein in der Natur und in seinen Büchern. Doch Hannes beginnt, sich zu wehren, und unversehens ­gerät er dabei in die politischen Spannungen der Dorfgemeinschaft. Dabei will er doch eigentlich nur eines - die geheimnisvolle Mara für sich gewinnen, die so ganz anders ist als all die Mädchen im Dorf. Ein anderes Leben, denkt Hannes, ein anderes Leben muss doch möglich sein.

Florian Knöppler, geboren 1966, studierte Romanistik, Germanistik und Philosophie in Bonn und Bologna. Nach der anschließenden Ausbildung zum Redakteur arbeitete er für verschiedene Radio- und Fernsehsender und schrieb Zeitungsreportagen, häufig über Menschen mit besonderen Lebenswegen vor zeitgeschichtlichem Hintergrund. Mittlerweile lebt er mit seiner Familie auf einem Hof in Schleswig-Holstein. Dort in der Nähe spielt auch »Kronsnest«?, sein erster Roman.

1

Hannes befühlte die geschwollene Wange. Seit Stunden schon hockte er dort auf dem Hofpflaster und kratzte das Unkraut aus den Fugen. Vor ihm auf den Steinen lag Hermann, der Kater, und gähnte. Sein graues Fell schimmerte in der Sonne.

Es war einer der ersten heißen Tage in diesem Jahr. Man hörte nichts außer dem Schrei eines Bussards im Dunst hinter der Krückau. Bald ging es mit der Ernte los, die Gerste, die schon gelb wurde, das Heu, der Weizen. Den ganzen Tag mit dem Vater auf dem Feld. So war es meistens in den Ferien.

Hannes sah prüfend zur Sonne und erschrak. Er hatte kaum etwas geschafft. Der Vater würde gleich da sein. Er nahm das Messer wieder in die Rechte, schnitt, kratzte, pulte, schob sogar Hermann zur Seite.

Der Kater stand auf und ging gemächlich zur Scheune. Für ihn gab es kein Unkraut. Und keinen Vater. Der ließ ihn in Ruhe, solang er im Stall die Mäuse und Ratten wegfing. Nur einmal war es anders gewesen. Der Vater hatte sich geärgert und nach Hermann getreten. Mit einem Satz war der Kater im offenen Fenster, drehte sich um, fauchte und duckte sich, als wolle er dem Vater ins Gesicht springen. Der hielt ungläubig inne, bis Hermann nach draußen verschwand.

„Hannes! Kaffee!“

Schnell leerte Hannes den Unkrauteimer zwischen den Brennnesseln aus und lief nach drinnen.

„Komm. Vater ist gleich auf dem Hof.“ Die Mutter hatte gesehen, dass er mit dem Unkraut nicht fertig war. Eilig wusch er sich Hände und Gesicht im Bottich, setzte sich an den Tisch und wartete. Es war schummrig in der Küche. Es roch nach Kompott und ein bisschen nach Schimmel.

Der Vater ließ sich auf seinen Platz fallen und schenkte sich vom Gerstenkaffee ein. Gleich würde er vom Unkraut anfangen. Aber nichts geschah. Nicht einmal wütend sah er aus, wenn auch nicht zufrieden oder vergnügt, wie er es an guten Tagen sein konnte. Er wirkte bedrückt, die Stirn gerunzelt, die Augen unstet. Vielleicht war die Mutter der Grund, denn die saß mit reglosem Gesicht da und aß. Eine schöne Frau, sagten die Nachbarn, dickes rotblondes Haar und hohe Wangenknochen.

Der Vater schaute zu ihr hin.

„Mit der Deichsel war’s nicht so wild. Ging schnell.“

Die Mutter sah auf, sagte: „Gut“ und löffelte weiter ihr Apfelkompott. Sie ist ihm immer noch böse wegen heute Morgen, dachte Hannes. Das Essen schmeckte jetzt noch besser, er nahm nach. Immer wieder linste er zum Vater, er konnte sich nicht sattsehen an seinem Gesicht, seinem ruhelosen Blick.

Der Vater schob den Teller weg, dass es schepperte, und stand auf.

„Ich guck’ noch mal nach Resi.“ Kurz darauf war er wieder an der Tür. „Los, Hannes! Es muss raus.“

Im Kuhstall war es kühl und es roch nach Stroh und Fruchtwasser. Resi lag in einer Ecke, stöhnte und riss die Augen auf. Der Vater krempelte die Ärmel hoch, Hannes lief los, um Wasser und Seife zu holen. Er beeilte sich, aber auf dem Rückweg blieb er auf der Diele stehen. An einem Haken hing der Geburtshelfer, ein Stab mit Ösen und Schnüren, den man bei schwierigen Geburten brauchte. Hannes setzte den Eimer ab, nahm den Geburtshelfer vom Haken und schob ihn hastig unter eine Pferdedecke, die am Boden lag. Dann rannte er in d