: Daniel Mendelsohn
: Die Verlorenen: Eine Suche nach sechs von sechs Millionen
: Pantheon
: 9783641282783
: 1
: CHF 4.50
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: Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
: German
: 640
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der preisgekrönte internationale Bestseller jetzt in einer Neuausgabe

Als Daniel Mendelsohn ein kleiner Junge war, begannen ältere Verwandte zu weinen, wenn er ein Zimmer betrat – so sehr ähnelte er seinem Großonkel Shmiel, der im Holocaust ermordet worden war. Schon immer fasziniert von der Geschichte seiner Familie, machte sich Daniel 2001, nachdem er auf alte Briefe stieß, auf die Suche, um herauszufinden, was mit Shmiel und seinen Angehörigen geschehen war.

Das Ergebnis ist ein sehr persönlicher Bericht, in dem er die Schablonen sprengt, die sich über die Schrecken der Shoah legten – und zugleich eine »Legende von Nähe und Distanz, Intimität und Gewalt, Liebe und Tod«. Denn parallel zu seiner eigenen Erzählung erzählt er die Schöpfungsgeschichte wieder, mit ihren ewigen Themen des Ursprungs und der Familie, der Versuchung und des Exils, des Bruderverrats, der Schöpfung und Vernichtung.

Daniel Mendelsohn, geboren 1960 in New York, gehört zu den bedeutendsten Intellektuellen in den USA und ist als Autor und Übersetzer bekannt geworden. Er promovierte 1994 in Classical Studies und arbeitete als Kritiker u. a. für The New York Review of Books, das New York Magazine, für The New Yorker und die New York Times. 2006 veröffentlichte er sein aufsehenerregendes, preisgekröntes Familien-Memoir »Die Verlorenen. Eine Suche nach sechs von sechs Millionen«. Zuletzt erschienen auf Deutsch »Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich« (2019) und »Flüchtige Umarmung. Von der Sehnsucht und der Suche nach Identität« (2021). 2022 erhielt Daniel Mendelsohn den renommierten Malaparte-Preis.

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Die formlose Leere

Vor einiger Zeit, als ich sechs, sieben oder acht Jahre alt war, kam es zuweilen vor, dass ich ein Zimmer betrat und bestimmte Leute zu weinen begannen. Die Zimmer, in denen das geschah, befanden sich zumeist in Miami Beach, Florida, und die Leute, auf die ich diese sonderbare Wirkung hatte, waren, wie fast alle Mitte der sechziger Jahre dort, alt. Fast alle (so jedenfalls erschien es mir damals) waren Juden – Juden jener Spezies, die, wenn sie einander ihren hoch geschätzten Klatsch erzählten oder zum lange hinausgezögerten Ende einer Geschichte oder der Pointe eines Witzes kamen, ins Jiddische verfielen, was natürlich zur Folge hatte, dass die Höhepunkte dieser Geschichten und Witze den Jungen unter uns unverständlich blieben.

Wie viele ältere Einwohner von Miami Beach zu jener Zeit lebten diese Leute in Wohnungen oder kleinen Häusern, die denen, die nicht darin lebten, ein wenig muffig erschienen und in denen es im Allgemeinen ruhig zuging, bis auf jene Abende, wenn die Klänge der Shows von Red Skelton, Milton Berle oder Lawrence Welk aus den Schwarz-Weiß-Fernsehern plärrten. In gewissen Abständen wurde es in ihren muffigen, stillen Wohnungen jedoch laut von den Stimmen kleiner Kinder, die im Winter oder Frühling auf einen mehrwöchigen Besuch bei diesen alten Juden aus Long Island oder New Jersey hergeflogen waren, wo sie ihnen vorgeführt und auch noch gezwungen wurden, starr vor Verlegenheit und Scheu, ihre papiernen, kalten Wangen zu küssen.

Die Wangen alter jüdischer Verwandter! Wir wanden uns, wir stöhnten, wir wollten hinunter zu dem nierenförmigen beheizten Swimmingpool hinter dem Wohnkomplex laufen, aber erst mussten wir alle Wangen küssen, die bei den Männern nach Keller und Haarwasser und Tiparillos rochen und auf denen kratzige Koteletten wuchsen, die so weiß waren, dass man sie oft für Fussel hielt (wie einmal mein kleiner Bruder, der versuchte, die störenden Flusen wegzuzupfen, wofür er einen unsanften Klaps auf den Kopf erhielt), die bei den alten Frauen ein diffuses Aroma von Gesichtspuder und Bratöl verströmten und so weich waren wie die »Not«-Tüchlein, die sie tief in ihre Handtaschen gestopft hatten wie Blütenblätter neben das violette Riechsalz, schrumplige Hustenbonbonpapierchen und zerknüllte Geldscheine … Die zerknüllten Scheine.Halt das mal für Marlene, bis ich wieder rauskomme, trug die Mutter meiner Mutter, Nana nannten wir sie, meiner anderen Großmutter an einem Tag im Februar 1965 auf, als sie ihr eine kleine rote Lederhandtasche mit einem zerknitterten Zwanzigdollarschein darin übergab, bevor man sie zu einer diagnostischen Operation in den OP rollte. Sie war gerade neunundfünfzig geworden, und es ging ihr nicht gut. Meine Großmutter Kay gehorchte und nahm die Handtasche mit dem zerknüllten Schein, und gemäß ihrem Versprechen übergab sie sie meiner Mutter, die sie noch einige Tage später in der Hand hielt, als Nana, in eine schlichte Fichtenkiste gelegt, wie es Brauch ist, auf dem Friedhof Mount Judah in Queens beerdigt wurde, in dem Abschnitt, der sich (wie eine Inschrift auf einem Granittor mitteilt) im Besitz der First Bolechower Sick Benevolent Association befindet. Um dort begraben zu werden, musste man dieser Vereinigung angehören, was wiederum bedeutete, dass man aus einer Kleinstadt von ein paar tausend Einwohnern namens Bolechow kommen musste, die fast auf der anderen Seite der Welt in einer Landschaft lag, die einst zu Österreich, dann zu Polen und dann vielen anderen gehört hatte.

Freilich wurde die Mutter meiner Mutter – mit deren weichen Ohrläppchen, daran klobige blaue oder gelbe Kristallohrringe, ich immer spielte, wenn ich bei ihr auf dem geflochtenen Gartensessel vorn auf der Veranda meiner Eltern auf dem Schoß saß, und die ich zu einer bestimmten Zeit lieber mochte als alle anderen, weswegen ihr Tod zweifellos das erste Ereignis war, an das ich deutliche Erinnerungen habe, auch wenn diese Erinnerungen bestenfalls Fragment