: Rebecca Maly
: Wo der Himmel die Prärie berührt Roman
: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
: 9783962153793
: 1
: CHF 7.10
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: Erzählende Literatur
: German
: 350
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Montana, 1871: Solange sie denken kann, zieht die rebellische Mary mit ihrem Vater, dem gestrengen Wunderheiler Joshua Jerobe, in einem Planwagen durch die Prärie. Nichts wünscht sie sich sehnlicher als einen Ort, an dem sie sesshaft werden kann. Als ihr Vater nach einer schweren Verletzung beschließt, sich als Lehrer an einer Schule für indianische Waisenkinder in dem beschaulichen Dörfchen Ulyssus' Rest niederzulassen, verliebt sich die junge Frau gegen alle Widerstände in den Halbblut-Cree Timothy. Doch der ist mit einem gefährlichen Auftrag nach Ulyssus' Rest gekommen, und schon bald muss Mary für die Liebe alles aufs Spiel setzen.

Rebecca Maly, geboren 1978, arbeitete als Archäologin und Lektorin, bevor sie sich ganz der Schriftstellerei widmete. Die Kultur der Maori lernte sie bereits im Studium kennen, eine Faszination, die bis heute geblieben ist. Die Autorin kann sich nichts Schöneres vorstellen, als ferne Länder zu bereisen und deren Kultur kennen zu lernen. Unter ihrem realen Namen Rebekka Pax hat sie bereits erfolgreich mehrere Romane veröffentlicht.

KAPITEL 1


Montana, 1867

In der Morgendämmerung strich ein Kojote durch das hüfthohe Gras, sein gelbgrauer Pelz war perfekt an die Farbe der trockenen Prärie angepasst. Er verschmolz mit den Halmen, wurde zu einem flüchtigen Schatten im Gräsermeer.

Mary hockte mit gerafftem Rock hinter einem Manzanita-Strauch und beobachtete den vierbeinigen Räuber genau. Der Kojote hatte sie noch nicht bemerkt. Neugierig schnüffelte er mit hocherhobener Nase nach dem Planwagen.

Als sich Mary nun erhob, stieß er ein erschrockenes Bellen aus und stob mit gesträubtem Fell und herabgebogener Rute davon. Sie beachtete das Tier nicht weiter. Von einem einzelnen Kojoten hatte ein junges Mädchen nichts zu befürchten.

Gähnend lief sie zu einem kleinen Wasserlauf und wusch sich hastig. Ihr Magen knurrte schon, seitdem sie mitten in der Nacht davon aufgewacht war, doch nun wurde er richtig laut. Warum nur konnte sie sich nicht einfach an den Hunger gewöhnen wie an andere Fährnisse ihres Lebens auch?

Bis zum Frühstück dauerte es noch eine Weile. So war es stets. Und wie an anderen Tagen würde sie das flaue Gefühl bei den anstehenden Aufgaben begleiten.

In dieser Sache war der Vater streng. Unzureichende Tüchtigkeit wurde mit dem Riemen und fehlenden Mahlzeiten belohnt. Daher säumte Mary nicht und blieb nur so lange am Wasser, wie unbedingt nötig war. Das eisige Nass ließ ihre Wangen und Hände rosig werden. Hastig kämmte Mary ihr kastanienbraunes Haar aus und flocht es neu. Es war dicht und wellig, der Zopf reichte ihr bis hinab zur schmalen Hüfte. Ihr Haar, so fand sie, war das Hübscheste an ihr, der Rest war gefällig, aber mehr auch nicht. Das war vielleicht auch gut so, denn die hübschen Mädchen bekamen immer Probleme. Flach wie ein Waschbrett war sie angeblich, und genauso knochig.

Sie steckte den Hornkamm in die Tasche ihrer Kittelschürze, in der sie auch ein Stückchen trockenes Brot aufbewahrte. Vom Planwagen zog Kaffeegeruch herüber. Hoffentlich ließ Vater ihn nicht wieder anbrennen. Ihm war es gleich, wie bitter das Gebräu wurde, solange es nur wach machte.

Mary lief auf leisen Sohlen durch das hohe Gras. Schopfwachteln piepsten unsichtbar im Gebüsch. Hinter einer Gruppe hartblättriger Eichen entdeckte sie zwei dunkle Schemen. Wie große, von Wind und Regen rund geschliffene Felsen standen die Büffel da. Der vordere hob den zottigen Kopf und entdeckte Mary sofort. Sie hielt einen Moment lang inne, nahm das Stückchen Brot aus der Tasche, legte es lockend in die vorgestreckte Hand.

Langsam ging sie näher, streifte mit den Fingerspitzen durch das Gras, die Warnungen vor gefährlichen Spinnen missachtend. Der Bison hielt beim Fressen inne. Seine kleinen, dunklen Augen musterten sie. Aus dem Maul tropfte dünnflüssiger Speichel.

„Komm, George, komm“, flüsterte Mary und streckte die Hand mit dem Brot weiter aus. Ein warmer Atemstoß, ein feuchtes Maul. Der Bison nahm den Bissen mit der Zunge.

Mary rieb über die breite, wollige Stirn. Warmer, vertrauter Moschusgeruch entstieg dem Fell, an dessen Spitzen sich Morgentau gesammelt hatte. Georges Buckel war höher als sie. Es erschien ihr jeden Tag aufs Neue wie ein Wunder und Geschenk Gottes, dass sie diesem gewaltigen Tier so nahe kommen durfte.

Sie kraulte den Bison hinter dem Ohr, dann haschte sie nach dem dünnen Seil, das am Nasenring befestigt und, damit es