: Martina Meier
: Wie aus dem Ei gepellt ... Erzählungen, Märchen und Gedichte zur Osterzeit Sammelband 1-5
: Papierfresserchens MTM-Verlag
: 9783990510261
: 1
: CHF 16.20
:
: Anthologien
: German
: 1000
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die Osterhasen sind aufgeregt. Noch nie kam es vor, dass Osterhasen ausgelost werden mussten, weil es zu wenige gab! Obwohl, so kann man das nicht sagen. Es gibt genügend Osterhasen, aber nicht genügend gute. Das Auswahlverfahren wurde vor ein paar Jahren verschärft. Ein guter Osterhase muss folgende Voraussetzungen erfüllen: Er muss verlässlich und verantwortungsbewusst sein. Er sollte kreativ sein, wenn er die Eier bemalt und sich Geschenke für die Kinder überlegt, und gewieft, weil die Kinder die Osternester nicht gleich finden dürfen. Nun? Erfüllt ihr alle diese Kriterien? Dann bewerbt euch doch bei Wie aus dem Ei gepellt ..., denn hier gibt es die schönsten Geschichten um den Osterhasen und seien Gefährten.

Martina Meier, Jahrgang 1963, studierte Literaturwissenschaft, Publizistik und Politik in Münster und Mainz. 2007 veröffentlichte die Journalistin ihr erstes Buch, einen Krimi, und gründete kurz darauf gemeinsam mit ihrem Mann Thorsten Papierfresserchens MTM-Verlag, der heute seinen Sitz in der Bodenseeregion hat, wo das Paar auch lebt. 2014 wurde zudem der Herzsprung-Verlag gegründet, der Bücher für eine erwachsene Leserschaft herausgibt.

*

Die verstummte Osterglocke


Gähnend trat Rita, die kleine Feldmaus aus ihrer Erdhöhle heraus. Sie reckte sich und streckte dabei die Arme nach oben. Sogleich bemerkte sie jedoch, dass es immer noch furchtbar kalt war.

„Huh!“, sagte sie, schüttelte sich und wäre am liebsten wieder in ihrem Mäusebett, ganz weit unter der angewärmten Decke verschwunden. Doch das ging nicht. Jedenfalls heute nicht. Sie hatte einen Auftrag zu erledigen. Einen wichtigen Auftrag.

Und so trottete Rita fröstelnd und verschlafen den Hügel hinauf. Dort oben wollte sie wie jedes Jahr am Ostersonntag die Osterglocke läuten und somit allen Bewohnern des Wald- und Wiesenlandes verkünden, dass Ostern und damit das Frühjahr gekommen war.

Als Rita die Osterglocke erreichte, lag immer noch schwere Müdigkeit auf ihren Augenlidern. Durch einen schmalen Spalt erblickte sie den Stängel der stolzen Blume und zog an ihm. Hin und her.

Doch irgendetwas war komisch. „Bloß was?“, überlegte die kleine Maus. Da fiel es ihr auf. Na klar! Es fehlte ganz einfach der Ton! Trotzdem sie am Stiel gezogen hatte, blieb die frühe Narzisse stumm.

Rita probierte gleich noch einmal und zog nun ein wenig heftiger am Stängel. Nichts. Kein Bimmeln war zu hören. Und dieses Sonderbare ließ aus dem verschlafenen, ein hellwaches Mäuschen werden. Rita blickte nach oben zum gelben Blütenkopf, aus dem sonst immer der glockenhelle Klang des Frühlings schallte. Doch der war verschlossen. Noch nicht aufgeblüht. Der konnte nicht bimmeln.

Da fragte eine Stimme direkt hinter Rita: „Was ist denn los? Warum läutest du nicht?“

Selbst noch verwundert und erschrocken drehte Rita sich um und blickte dem Osterhasen direkt auf die Stupsnase, und dann auf seine bibbernden Hasenzähnchen.

„Beeil dich!“, forderte der Osterhase weiter. „Ich will endlich anfangen!“, und zeigte auf den mit bunten Eiern gefüllten Korb auf seinem Rücken.

„Aber das geht nicht“, antwortete Rita kopfschüttelnd und zeigte auf das Köpfchen der Glockenblume. „Der Winter. Er möchte einfach nicht gehen und hält unsere Osterglocke gefangen.“

„Darum ist mir so kalt“, entfuhr es dem Osterhasen und er begriff, warum er und seine Zähne so zitterten.

„Was sollen wir nur tun?“, fragte Rita. „Keiner wird erwachen. Mir selbst ist es schwergefallen aufzustehen. Aber wenn die Glockenblume nicht läutet, werden die anderen Ostern und das Frühjahr verschlafen.“

Ratlos zog der Osterhase seine Schultern nach oben und genau so ratlos ließ er sie wieder sinken. Er wusste auch nicht, was jetzt zu tun war. Er kannte sich nur mit Ostereiern aus. Aber mit dem Winter? Nein.

Rita versuchte mit einem kräftigeren Rütteln die Blume doch noch zum Schellen zu bewegen. Doch alle Mühe vergebens. Sie blieb stumm.

Plötzlich vernahmen Rita und der Osterhase ein näher kommendes Summen. „Sssssssssssssssssssssss.“ Sie spürten einen Lufthauch und schon landete genau zwischen ihnen Katrine, die Biene. „Ich wollte Nektar holen“, sagte sie und hob zum Beweis ihr blitzblankes Eimerchen empor. „Meine Kinder haben Hunger! Und wa