Tropfen rannen vom Fensterbrett auf das gemaserte Eichenparkett. Elina Mercy schaute von ihrem Buch auf. Der Sommer zeigte sich nicht gerade von der besten Seite, schier endlos erscheinende Regengüsse breiteten sich seit Tagen über das Land aus. Nicht dass dieses Unwetter, das draußen tobte, schon genug wäre, jetzt war auch noch das Fenster undicht, aufgeweicht von den Unmengen an Wasser. Schnell holte sie ein Handtuch, um das Rinnsal zu hindern, weiter auf den Boden zu laufen.
Unterdessen ratterte in ihrem Kopf der Zahlencomputer – woher sollte sie das Geld für die kostspielige Reparatur nehmen? Gestern erst hatte sie den Handwerker für die Arbeiten am Dach bezahlt, abgestottert von ihrem bescheidenen Einkommen.
Verdammt, es war die wärmste Zeit des Jahres, warum musste gerade jetzt die Sanierungsbedürftigkeit des Hauses vom Regen aufgedeckt werden? Konnte es nicht noch ein paar Monate warten, bis es in sich zusammenfiel? Die schlimmsten Befürchtungen malten gedanklich ein Bild ihrer finanziellen Ängste.
Was hatte sie sich dabei gedacht, das nett gemeinte Angebot ihrer Schwester anzunehmen, die für ein Jahr nach Kanada gereist war? Ruth war gerade einen Monat außer Landes und Elina fiel bereits die Decke auf den Kopf, die Einsamkeit hüllte sie ein und hielt sie fest. Niemand war da, um ihr zu helfen. Und jetzt kamen auch noch die Sorgen um das liebe Geld dazu.
Achtzugeben auf das kleine Landhaus in dem romantischen Städtchen Sevenoaks, gelegen in ihrer Heimat England, war die eine Sache, es instand zu halten, die andere. Sie hatte vergessen, daran zu denken, die finanziellen Angelegenheiten vor deren Abreise mit Ruth zu klären.
Ihre Schwester würde für die Arbeiten am Haus selbstverständlich aufkommen, aber sie war in Vancouver und Elina müsste das Fenster vorerst selbst bezahlen, wenn sie einen größeren Wasserschaden verhindern wollte.
Sie begab sich zum Schreibtisch, setzte sich an den Computer und verfasste eine lange E-Mail an ihre Schwester. Was blieb ihr anderes übrig? Sie konnte ihre Chefin nicht um einen Vorschuss bitten, dafür war diese zu korrekt. Bezahlt wurde grundsätzlich, was sie leistete, pünktlich und genau, zu jedem Monatsende. Darauf konnte man sich hundertprozentig verlassen, was in den meisten Fällen ein großer Vorteil war.
Außerdem war es nicht Elinas Art, Geld auszugeben, das sie nicht besaß. Sie hoffte, möglichst schnell eine Lösung für die fällige Reparatur zu finden. Sie drückte auf Senden und kaum fünf Minuten später erhielt sie eine eilig geschriebene Antwort, Ruth arbeitete anscheinend.
Liebe Elina!
Es musste ja so kommen, wie konnte mir nur entfallen, dir einen Notgroschen für solche Fälle dazulassen? Es tut mir leid, verzeihst du mir? Ich überweise dir sofort einen Teil meines Ersparten auf dein Konto. Das Geld, welches dir übrig bleibt, verwende für zukünftige Arbeiten am Haus. Leg es am besten auf ein Sparbuch.
Ich muss wieder an meinem Artikel weiterarbeiten, Abgabe morgen!
Ich vermisse dich.
Bis bald, deine Ruth
Sie machte sich schon wieder unnötig ein schlechtes Gewissen. Genau das wollte Elina eigentlich verhindern. Ruth war wie eine Mutter geworden, seitdem sie nicht mehr da war. Sie fühlte sich für Elina verantwortlich. Bevor sie abreiste, war ihre