Natürlich war ich aufgeregt, schließlich wollte mich meine große Schwester an diesem Tag zu einer Frau bringen, die mit mir lernen sollte. Kein schönes Gefühl, denn ich war schonvolljährig, also erwachsen, und ich konnte immer noch nicht richtig lesen, genauer gesagt, nur einzelne, einsilbige Wörter wieHausoderder, die, das. Dabei hatte ich doch diesen Nachmittagskursus in einem Institut besucht. Jetzt wurde ich weitergereicht zum individuellen Einzelunterricht. Meine Schwester begleitete mich. Mein Vater hielt sich zurück. Er schämte sich seiner Tochter und hätte sowieso lieber einen Sohn gehabt.
„Wir können zu Fuß gehen. Es ist nicht weit“, sagte meine Schwester. Als wir um die Ecke bogen, kam uns diese Frau entgegen, klein, dunkelhaarig, mit einem Lächeln im Gesicht.
„Haben Sie unsere Sackgasse gleich gefunden? Sie sind doch nicht aufgeregt, oder?“
Das war neu. So war ich nur selten angeredet worden:Sie. Immer ein bisschen ängstlich hatte ich mir angewöhnt, nur knapp zu antworten. Meine Gedanken gingen zurück.
Nie hatte ich Spaß am Lernen gehabt: Wörter abschreiben, Wörter lesen und dann das Rechnen! Es klappte einfach nicht. Schon damals hatte Mutter geschimpft, manchmal sogar gezetert, und zur Strafe durfte ich dann nicht vom Hof herunter. Ich war oft alleine. Ins Schwimmbad mit anderen Kindern, nein, das durfte ich nicht. Und wie gerne wäre ich im Sommer ins Freibad gegangen! Jetzt war ich 19 Jahre alt und noch nie im Schwimmbad gewesen! Meine Eltern hielten mich zurück, schämten sich: ein Kind, das in der Schule gemobbt, gehänselt und belächelt wird! Ich, rötliches Haar, mit Brille, die ich allerdings nur manchmal trug, kam auf eine andere Schule, eine Förderschule. Ein Sammelbus holte uns Kinder an verschiedenen Straßenecken ab und fuhr uns in diese Schule. Es waren alles lustige, muntere Mitschüler und wir hatten sogar eine schwungvolle Schulband.
Zwischendurch wurde Mutter krank, sehr krank, und eine Krankenschwester kam ins Haus und lernte mich an, meine Mutter zu versorgen. Lungenkrebs. Die Pflegerin kam in Abständen, mein Vater ging arbeiten. Dumpfe Stimmung.
So verstrichen fast zwei Jahre und ich beendete meine Schulzeit. Meine Mutter starb währenddessen. Ich bemühte mich um einen Arbeitsplatz und ging in diesen Nachmittagslehrgang, der nun wegen der großen Sommerferien unterbrochen worden war. Die Kursusleiterin hatte für mich jemanden gefunden, der mit mir weiterlernte, damit das bisher mühsam Erlernte nicht verloren ging – denn da