»Es tut mir so leid, Vroni.« Rudolf Lechner strich sich über den grauen Vollbart. Seine kräftige Gestalt war gebeugt von den Jahren, aber sein Blick hinter der schmalen Brille war freundlich und hellwach. »Ich wünschte, ich müsste Ihnen das net antun, aber einen anderen Ausweg gibt es net.«
»Sie wollen mich entlassen?« Vroni Moser sank auf den Stuhl vor dem Schreibtisch ihres Chefs nieder, weil ihre Beine sie plötzlich nicht mehr tragen wollten.
Seit fünf Monaten arbeitete sie für den pensionierten Großbauern als Krankenpflegerin. Sie wohnte mit ihm im Austragshäusel, führte ihm den Haushalt und kümmerte sich um ihn, wenn seine Erkrankung ihm zu schaffen machte. Er litt unter Parkinson, der gefürchteten Schüttellähmung, die schleichend fortschritt. Vroni liebte ihre Arbeit und hatte alles getan, um sich zu bewähren.
»Warum muss ich gehen? War ich net gut genug?«
»Davon kann gar keine Rede sein. Ich könnte mir keine aufmerksamere Pflegerin wünschen.«
»Was ist es dann?«
»Meine jüngste Tochter wohnt seit vielen Jahren in Wien, wie Sie ja wissen. Sie drängt mich schon lange, zu ihr zu ziehen. Ich wollte meine Scholle eigentlich net verlassen, auch wenn meine beiden älteren Söhne den Hof ausgezeichnet führen, aber nun denke ich mir doch, dass das Leben in der Stadt einige Annehmlichkeiten bietet. Außerdem kann ich dort in der Nähe meiner beiden Enkel sein. Die beiden werden ja so schnell groß …«
Der Mittsiebziger nahm eine gerahmte Fotografie von seinem Schreibtisch und strich mit dem Zeigefinger darüber. Das Bild zeigte seine Familie.
»Ich habe mich entschieden, zu meiner Tochter zu ziehen. Natürlich bezahle ich Ihnen Ihren Lohn weiter, bis Sie etwas Neues gefunden haben, Vroni. Das wird bei Ihren Fähigkeiten bestimmt net lange dauern.«
Vroni schwieg bestürzt. So leicht würde es bestimmt nicht werden, eine neue Stelle zu bekommen. Heutzutage war das Geld für Pflegekräfte knapp. Überall wurde gespart und gekürzt. Sie war froh gewesen, für den pensionierten Landwirt arbeiten zu können. Und nun stand sie wieder auf der Straße.
Ohne Arbeit. Ohne Bleibe. Und ohne Geld.
Dabei wollten ihr Verlobter und sie bald heiraten und einen eigenen Hausstand gründen, aber daraus würde so schnell nichts werden.
»Sie bekommen natürlich ein erstklassiges Zeugnis«, versicherte Rudolf Lechner ihr, als sie schwieg.
»Danke schön.« Sie zwang sich zu einem matten Lächeln. Die unsichere Zukunft legte sich wie ein Schatten über den sonnigen Sommertag.
Vroni liebte ihre Arbeit, und nun musste sie gehen. Die meisten ihrer früheren Schulfreundinnen hatten längst feste Jobs und Familien. Und was hatte sie mit ihren vierundzwanzig Jahren vorzuweisen? Nichts. Sie musste wieder bei null anfangen.
Was sollte sie tun? Wo sollte sie sich bewerben? Vor fünf Monaten war Vroni überglücklich gewesen, die Stelle als Krankenpflegerin auf d