Meine Zeit in Texas - eine Einleitung
Mein Blick schweift über meine schnarchende Sitznachbarin weit aus dem Fenster und verliert sich im Wolkenmeer. Der Himmel scheint unendlich zu sein und das Flugzeug schon unendlich weit weg von zu Hause. Die Abschiedsbriefe liegen noch ungelesen auf meinem Schoß, zu groß das Risiko, in Tränen auszubrechen und somit meine Mascara schon zum zweiten Mal zu ruinieren.
Jetzt sitze ich hier alleine im Flugzeug. Hinter mir die Schweiz, unter mir der Atlantik und vor mir das große Unbekannte.
Die Stewardess mit den knallroten Lippen schiebt ihren Wagen durch die viel zu engen Gänge. Zu pappigen Käsesandwiches fehlt mir jedoch jeglicher Appetit. Meine italienische Sitznachbarin ist inzwischen aufgewacht und lässt sich lauthals über den wässrigen, untrinkbaren Kaffee aus. Sogar die hilfsbereite Stewardess scheint am Ende ihrer Geduld zu sein mit dieser unzufriedenen Lady.
Mein Abenteuer hat begonnen.
Der Abschied von der Familie ist geschafft und war weitaus schwieriger als vorgestellt. Die ganze Familie brachte mich um vier Uhr morgens zum Flughafen. Mein Gesicht muss meinen Abschiedsschmerz gespiegelt haben, denn die Angestellte ließ meine drei Kilo Übergewicht beim Gepäck kommentarlos durchgehen. Das Warten war das Schlimmste. Die quälenden Stunden vor dem erwarteten Abschied zogen sich wie Kaugummi. Aber mein Gefühlscocktail aus Adrenalin, Vorfreude und Abschiedsschmerz wirkte wie eine Droge und ließ mich funktionieren.
Im Vorfeld musste ich mich schon von all meinen Freunden und Schulkameraden verabschieden – eine sehr emotionale Angelegenheit:. So endete die Grillparty am See tränenreich. Meine Freundin Lara und ich verdarben allen die Stimmung. Wie ein Häufchen Elend saßen wir eng umschlungen da und weinten und heulten um die Wette. Ich wurde nach diesem dramatischen Abschied noch mehrmals von Bekannten und Freunden angesprochen, ob irgendetwas Schlimmes passiert sei, sie hätten uns beide so schrecklich weinen sehen. Es gibt doch nichts Besseres, als das eigene Image ein wenig aufzupeppen, bevor man für ein Jahr nach Amerika verreist.
Den endgültigen Abschied am Flughafen realisierte ich nicht wirklich: Ich umarmte noch einmal meine vier liebsten Menschen, ließ mich mit Küssen überschütten, dann rannte ich beinahe durch die Zollkontrolle.
Erst in London Heathrow wird mir klar, dass es jetzt kein Zurück mehr gibt. Dieses Mal handelt es sich nicht nur um eine kleine Reise oder eine Klassenfahrt. Zehn Monate weg von zu Hause, dreihundert Tage ohne meine Familie und Freunde, ohne meine fürsorgliche Mama. Ein Weihnachten ohne traditionelle Weihnachtsbäckerei und einmal Ostern ohne Schweizer Schokolade. Ein knappes Jahr ohne irgendetwas Klares, Beständiges oder Vertrautes. Das macht mir Angst. Ich frage mich das erste Mal, ob das Austauschjahr die richtige Entscheidung für mich ist.
Die ganze Anmeldeprozedur fing schon vor einem Jahr an, als ich mich mit meinen Freundinnen Anja und