Nele versuchte leise, die Kirche zu betreten, doch die rostigen Scharniere der schweren Eichentür knarrten unangenehm laut in der Stille des beeindruckenden Gotteshauses. Die von ihr verursachte kurze Unterbrechung der wohltuenden Ruhe legte sich bereits im nächsten Augenblick und Nele sog den angenehmen Duft der brennenden Kerzen in sich auf. Die Sonne schien bunt leuchtend durch die hohen Glasfenster mit den Darstellungen der biblischen Erzählungen, die an schönen Sommertagen wie diesen erst richtig zur Geltung kamen. Das hindurchströmende Licht reflektierte den aufgewirbelten Staub, der in der Luft tanzte.
Nele machte vor dem Hochaltar, der in der Mitte Maria mit dem Jesuskind darstellte, eine Kniebeuge und setzte sich in eine der dunklen Holzbänke, um zu beten. Der Anfang fiel ihr unendlich schwer, denn sie war jahrelang nicht hier oder in einem anderen Gotteshaus gewesen, hatte seit sehr lange Zeit überhaupt kein persönliches Gespräch mit Gott geführt. Ihre Eltern gingen zwar oft mit ihr in den Gottesdienst, als sie noch ein kleines Kind war, aber ein schwerwiegendes Ereignis in ihrer Vergangenheit hatte ihr den Glauben an den Gott, der sie bis ins junge Erwachsenenalter begleitet hatte, genommen. Dieses einschneidende Erlebnis war das Ende ihres glücklichen Lebens gewesen. Sie seufzte traurig, als sie an die damaligen Ereignisse dachte, schwer lag ihr diese Vergangenheit auf dem Herzen.
Nele lernte mit blutjungen zwanzig Jahren den gleichaltrigen Jan kennen. Ihr war von Anfang an klar, er war die Liebe ihres Lebens, und er empfand genauso für sie. Sie waren von Anfang an unendlich glücklich miteinander. Hals über Kopf heirateten die beiden, als sie sich gerade einmal zwei Jahre kannten, doch es fühlte sich alles goldrichtig an, es gab keine Zweifel, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatten. Der Segen Gottes, den der Priester damals über ihre Ehe aussprach, schien ungebrochen auf ihren gemeinsamen Bund zu liegen. Gott meinte es offensichtlich gut mit ihnen.
Nur ein Jahr später wurde ihr gemeinsamer Sohn Samuel geboren. Zwei weitere Jahre später brachte Nele Jonas zur Welt. Beide Kinder waren gesunde und kräftige Jungen. In ihrer kindlichen Naivität stellten sie oft alles auf den Kopf, aber Jan und Nele verstanden es, sie liebevoll und mit der nötigen Strenge zu begleiten. Natürlich gab es auch ausgedehnte Durststrecken in ihrer Beziehung, es wäre gelogen, wenn man behaupten würde, dass alles perfekt gewesen wäre. Aber die Fehler, die in der frischgebackenen Familie immer wieder begangen wurden, waren kein Grund zum Aufgeben. Die schönen und glücklichen Momente überwogen eindeutig, das Negative war schnell wieder vergessen, wenn es überwunden war. Nele und Jan war bewusst, dass sie selbst und ihre Kinder auch nur Menschen waren. Deshalb war es ihnen wichtig, immer wieder einander zu verzeihen, wenn etwas schieflief, um den Zusammenhalt in der Familie nicht zu verlieren. Und das stärkte ihren Zusammenhalt noch mehr, im Großen und Ganzen waren sie glücklich und dieses Glück lag in der Schönheit der gemeinsamen Zeit, die sie gemeinsam erleben durften. Keiner hätte sich gedacht, dass es nicht für immer so weitergehen und alles ein so abruptes Ende nehmen würde.
Aber es kam der Tag der