Fünf
Am Morgen nach dem Staubsturm und den Tornados, die Hawley heimgesucht hatten, wachte Gayle im Schutzkeller unter der Farm der Franklins auf. Ihr Körper war von einer dünnen grauen Schicht bedeckt. Während sie geschlafen hatten, war der Staub wie Nebel durch die Ritzen gedrungen und hatte sich auf alles und jeden gelegt.
Die Falltür stand sperrangelweit offen. Sonne fiel auf die Holzstufen und den blanken Erdboden darunter. Bei diesem Anblick musste Gayle lächeln, und eine seltsame Erleichterung überkam sie. Sie hatte befürchtet, dass der nächste Morgen nicht anbrechen, dass der finstere Sturm die Welt verschlingen würde und sie für immer in Wind und Dunkelheit leben musste, ständig auf der Hut vor dem ohrenbetäubenden Kreischen der Tornados.
Sie war sogar mit den Händen auf den Ohren eingeschlafen. Jetzt kam ihr diese Angst reichlich naiv, um nicht zu sagen kindisch vor.
»Momma?«, flüsterte Gayle. Sie wischte sich den Schmutz aus den Augen, stand auf und klopfte ihr Kleid aus. Sie musste dringend auf die Toilette.
Mit gerunzelter Stirn ging sie auf das Sonnenlicht zu, die Treppe hinauf und ins Freie. Als Erstes fiel ihr der von einem Tornado verwüstete Teil des südlichen Feldes auf. Die Windhose hatte die Pflanzen aus der Erde gerissen, und vom Zaun standen nur noch einige wenige zersplitterte Holzpfähle. Sie sah zur Yancey-Farm hinüber, von der nur ein Schutthaufen geblieben war. Scheune und Wohnhaus waren nun nichts mehr als eine verblassende Erinnerung.
Gayle starrte die Trümmer atemlos an. Wie war das möglich? Wie hatte das Haus einfach so verschwinden können? Und was war mit den Yanceys geschehen?
Sie sind in der Stadt, redete sie sich ein.Sie haben ganz bestimmt in der Stadt Schutz gesucht.
»Momma?«, sagte sie noch einmal, nicht zuletzt um den beruhigenden Klang ihrer eigenen Stimme zu hören. Sie betrachtete eine Weile die Zerstörung um sich herum. Da ihre Mutter keine Antwort gab, ging sie auf das Wohnhaus zu.
Alle Fensterläden standen offen. Zwei der größeren Fensterscheiben hatten Risse bekommen, doch keine war zerbrochen. Glück gehabt. Sie hörte, wie im Haus Schränke geöffnet und geschlossen wurden.
»Momma?«, rief sie etwas lauter.
Das Gesicht ihrer Mutter erschien im Küchenfenster. Der Riss in der Scheibe zeichnete sich wie eine lange Narbe auf ihrer Wange ab. »Guten Morgen, mein Schatz. Ist noch alles dran?«
Gayle lächelte. Als sie die Stimme ihrer Mutter hörte, fiel ihr ein Stein vom Herzen. »Ja, Ma’am. Noch alles dran.«
»Du hast so friedlich geschlafen, da wollte ich dich nicht aufwecken. Wir haben heute eine Menge zu tun. Erst mal mache ich hier drin ein bisschen sauber. Mal sehen, ob ich was zu essen finde, das nicht mit Dreck überzogen ist. Oder möchtest du Sandkuchen zum Frühstück?«
Das kleine Mädchen verdrehte die Augen. »Nein, Ma’am. Auf Sandkuchen zum Frühstück kann ich sehr gut verzichten.«
Ihre Mutter lachte leise. Gayle sah sich um. »Ist Daddy auf dem Feld?«, fragte sie.
»Er sieht sich den Schaden an.« Das Lächeln verschwand aus ihrem Gesicht. »Ein paar Pflanzen hat der Sturm verschont. Es wird nicht einfach, aber die armen Yanceys hat es viel schlimmer erwischt. Die haben jetzt gar nichts mehr.«
»Wie geht es ihnen?«, fragte Gayle mit großen Augen.
»Gut, schätze ich. Dein Daddy sagt, dass sie in die Stadt gegangen sind und dort Schutz gesucht haben, bevor es so richtig losging.«
Genau das hatte Gayle bereits vermutet. Sie war stolz darauf, zur selben Schlussfolgerung wie ihr Vater gelangt zu sein. Dadurch fühlte sie sich irgendwie erwachsener.
»Und jetzt komm rein und hilf mir, Kleines. Hörst du?«
»Ja, Momma. Aber vorher muss ich noch wohin.«
Ihre Mutter, die sich schon vom Fenster abgewandt hatte, drehte sich noch einmal um. Aus dem schiefen Grinsen wurde ein gutmütiges Kichern. »Dann geh, Gayle, oder wartest du auf meine Erlaubnis?«
Sie klopfte sich noch einmal das Kleid aus. Staub stieg davon auf und wurde von der kühlen, sanften Brise davongetragen. Bauschige Wölkchen hingen am Himmel. Keine Spur mehr von dem brutalen, todbringenden Sturm, der gestern Nachmittag und Abend gewütet hatte.
Gayle umrundete die Veranda und lief am Wohngebäude entlang zum Klohäuschen. Glücklicherweise hatte der kleine Bretterverschlag dem Sturm standgehalten. Beim Gehen hielt sie Ausschau nach ihrem Vater. Sie entdeckte eine Gestalt neben dem Maisfeld, doch bei näherer Betrachtung war es nur die Vogelscheuche. Sie konnte sich genau daran erinnern, dass sie im Wind abgebrochen und davongewirbelt war. Daddy hatte sie wohl so schnell wie möglich repariert, d