Eins
Am ersten November des Jahres neunzehnhundertvierzig hing wie so oft in letzter Zeit der durchdringende Gestank von verbranntem Holz und Asche in der Londoner Luft. Gayle Franklin lief die Straße hinunter und versuchte, die Ruinen der Stadt, in der sie vor über fünf Jahren eine Heimat gefunden hatte, nicht allzu genau anzusehen. Sie hatte seit fünfzehn Stunden nichts gegessen und ihr Magen knurrte, doch sie hatte auch früher schon Hunger gelitten. Sie hatte gehungert, sie war schmutzig gewesen und sie hatte es überstanden. Sie würde auch das hier überstehen.
Einen Augenblick lang stand sie an der Ecke South Hampstead Road und Finchley Road in der klammen Kälte. Noch vier Blocks, dann war sie zu Hause. Eigentlich keine weite Strecke, doch sie musste auf der Hut sein. Wenn sie unvorsichtig wurde, konnte ihr selbst dieser kurze Weg zum Verhängnis werden. Sie fuhr mit den Fingern über den Mantel, betastete die Nähte im Innenfutter. Es gab viele Arten, sich zu schützen.
Gayle war während der Großen Depression in Hawley in Kansas aufgewachsen. Vor sieben Jahren hatte sie miterlebt, wie das Städtchen während des schlimmsten Staubsturms seit Menschengedenken auf grausame Weise ausgelöscht worden war. Diese Erfahrung hatte sie für immer verändert, hatte sie stärker gemacht, als die meisten Menschen beim Anblick ihrer langen Locken und ihres schönen Gesichts ahnten. Sie war sechzehn Jahre alt und, obwohl sie nach Schweiß roch und Asche auf ihrer Haut klebte, ein hübscher Anblick.
Wieder knurrte ihr Magen. Der Hunger erinnerte sie an ihre Kindheit in Kansas. Magere Jahre, an die sie trotzdem gern zurückdachte. Der Boden des von Stürmen heimgesuchten Landes war so trocken gewesen, dass nichts darauf wachsen wollte, doch selbst im schlimmsten Elend hatte sie nie daran gezweifelt, dass ihre Eltern sie liebten. Diese waren nun schon lange tot, gestorben an dem Tag, an dem Hawley zur Geisterstadt geworden war.
Nach diesem entsetzlichen Ereignis wurde Elisa zur ganzen Familie, die ihr noch geblieben war, auch wenn sie nicht miteinander verwandt waren. Elisa war ebenfalls in Hawley gewesen und hatte ihren Mann und ihren kleinen Sohn in jener langen Nacht voller Schrecken verloren. Gemeinsam hatten sie die Vereinigten Staaten verlassen und waren nach Europa gegangen. Sie gaben sich als Mutter und Tochter aus, obwohl sich nicht wenige fragten, wie Elisa mit ihrem olivfarbenen Teint zu einer so hellhäutigen Tochter kam. Sie waren durch Osteuropa gereist und hatten kurzzeitig bei einigen Vettern von Elisa Unterschlupf gefunden, bevor es sie nach Frankreich und schließlich nach London verschlagen hatte. Hier, so glaubte Elisa, konnte sie Gayle eine angemessene Schulbildung und Aussicht auf eine bessere Zukunft bieten.
Aber dann war alles hier vor weniger als zwei Monaten erneut dem Wahnsinn anheimgefallen. Die machthungrigen Deutschen hatten der Welt schon vor einer Weile den Krieg erklärt – nun ließen sie ihren Worten Taten folgen: Am siebten September hatten sie die ersten Bomben auf London geworfen und seither nicht mehr damit aufgehört.
Den jüngsten Nachrichten zufolge waren allein in London über eine Viertelmillion Menschen ausgebombt und Tausende gestorben. Das klang unvorstellbar, doch Gayle musste sich nur die verkohlten, ausgebrannten Ruinen ansehen, die sich in beinahe jede Richtung erstreckten, um sich davon zu überzeugen. In der Stadt war es nicht mehr sicher. Jedes Mal wenn die Bomben fielen, wurden weitere Gebäude vernichtet und Feuersbrünste erhellten die Nacht. In ihrer Verzweiflung griffen manche Menschen auf drastische und gefährliche Maßnahmen zurück, um sich und ihre Familien zu schützen.
Gayle und Elisa waren bis jetzt mit heiler Haut davongekommen – weil sie vorsichtig waren. Und weil sie sich schon einmal gegen den Wahnsinn zur Wehr gesetzt hatten.
Die Straße vor Gayle war mit den Trümmern eines zusammengestürzten Gebäudes versperrt. Sie hätte zurückgehen und den ganzen Wohnblock umrunden können, doch dafür war sie zu ungeduldig. Sie wollte nach Hause. Vorsichtig bahnte sie sich einen Weg durch die Ruine, wobei sie sorgfältig auf jeden Schritt achtete. Erst vor einer Woche war ihre Klassenkameradin Constance Woodworth böse gestürzt, als ein Schuttberg unter ihr ins Rutschen geriet. Constance war von einer Lawine aus Stein und Mörtel erfasst worden und hatte sich das Bein an drei Stellen gebrochen. Gayle hatte die Woodworths erst gestern besucht und ihnen das wenige Essen gebracht, das sie für die Familie hatte auftreiben können. Constance’ Bein wollte einfach nicht verheilen. Inzwischen hatte es sich sogar entzündet und Constance wurde von Fieberanfällen geschüttelt. Wenn sie sich nicht bald erholte, so befürchtete Gayle, würde sie Weihnachten wohl nicht mehr erleben.
Dabei konnten sowohl sie als auch Constance sich glücklich schätzen. Immerhin hatten sie noch ein Heim. Die winzige Wohnung, die sich Elisa und Gayle teilten, war bisher unversehrt geblieben. Eine kleine Insel der Vernunft mitten im Wahnsinn eines Weltkriegs. Immerhin.
Doch bald würde die Sonne untergehen. Mit der Nacht kämen die Bomber, und wenn nicht heute, dann bald. Gayle und Elisa konnten nichts anderes tun als beten und hoffen, dass ihnen das Glück weiterhin gewogen blieb.
Während Gayle über den Schutt balancierte, rutschten die wenigen Konservendosen und die drei Äpfel, die sie in einem Sack über der Schulter trug, hin und her. Es war nicht gerade ein Festmahl, aber wenigstens würde etwas auf dem Tisch sein, wenn Elisa vom Lazarett, wo sie bei der Pflege der Verwundeten half, nach Hause kam. Gayle bemerkte eine Bewegung im Augenwinkel, drehte den Kopf nach links und erhaschte einen Blick auf runzlige Haut und schlohweißes Haar. Eine alte Frau, hier in den Trümmern? Unwahrscheinlich. Gayle reckte den Hals, doch die Gestalt war in einem der Gräben verschwunden, die sich um die Ruinen zogen.
Gayles Nackenhaare stellten sich auf, und sie bekam Gänsehaut. Irgendjemand folgte ihr. Womöglich war derjenige auch nur zufällig in dieselbe Richtung unterwegs, doch ihr Bauchgefühl sagte etwas anderes – und sie hatte scho