MITTWOCH
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Seufzend nippte Mark Richter an seinem Kaffee. Es war bereits die zweite Tasse, aber die Müdigkeit hielt sich hartnäckig. Auch die Dusche vorhin hatte nichts daran geändert. Grund dafür war die zurückliegende Nacht, die mal wieder die Hölle gewesen war. So wie die davor. Und die davor.
Offiziell befand er sich in Elternzeit, was von den Kollegen im Präsidium liebevoll als Urlaub bezeichnet wurde. Dabei war das komplette Gegenteil der Fall. Nach den zurückliegenden sechseinhalb Wochen fühlte er sich reif für einen Urlaub. Dabei blieben ihm bloß noch anderthalb Wochen, bevor es wieder zurück an die Arbeit ginge. Wie das dann werden sollte, vermochte er sich noch nicht einmal auszumalen. Nicht grundlos galt Schlafentzug über einen längeren Zeitraum als Foltermethode.
Wobei er zugeben musste, dass es in den vergangenen Tagen besser geworden war. In der Anfangszeit hatte Caro das Baby ausschließlich gestillt, was für Nathalie offenbar dermaßen anstrengend gewesen war, dass sie nach spätestens einer Viertelstunde oft noch während des Nuckelns eingeschlafen war. Viel getrunken hatte sie bis dahin allerdings nicht, weshalb es in der Regel nicht lang dauerte, bis die Kleine vor lauter Hunger erneut schrie. Tagsüber war das anstrengend und zeitaufwendig, nachts wurde es irgendwann zur Qual.
Irgendwann hatte seine Frau genug von dem Affentanz gehabt und angefangen, dem Baby Milchpulver zuzufüttern. Dadurch trank Nathalie deutlich mehr und rascher, legte an Gewicht zu, und Caro war nicht mehr den ganzen Tag mit Stillen beschäftigt. Dennoch wurde die Kleine mindestens zwei-, manchmal dreimal pro Nacht wach und verlangte nach neuer Nahrung. Während Mark zuvor nicht wirklich eine Hilfe gewesen war – zumindest nicht beim Füttern –, war er bei der Zubereitung der Milchfläschchen nun ebenfalls gefragt. Und so war eine bestimmte Grundmüdigkeit zu einer Art ständigem Begleiter geworden, ganz gleich, wie viel oder wenig er in den vergangenen Tagen geschlafen hatte.
Am liebsten wäre er vorhin deshalb einfach im Bett liegen geblieben. Doch einen gewissen Vierbeiner kümmerte es wenig, wie oft der menschliche Nachwuchs in der Nacht schrie. Wenn die Natur rief, musste der Hund einfach Folge leisten. Also hatte sich Mark möglichst leise aus dem Schlafzimmer geschlichen und Felix sein Geschäft im nahe liegenden Stadtpark erledigen lassen. Früher hatte Mark die Gelegenheit für eine Joggingrunde genutzt, heute fehlte ihm dafür schlichtweg die Kraft. Er war froh, als er danach zurück in die Wohnung gehen konnte. Der schneidend kalte Januarwind hatte die Entscheidung zusätzlich erleichtert. Bei diesem Wetter hielt sich jeder lieber drinnen auf.
Mit der Kaffeetasse in der Hand betrat er das Wohnzimmer. Er räumte Spucktücher, eine Spieluhr und eine Gummigiraffe vom Tisch und Fußboden zusammen, bevor er seufzend aufs Sofa sank. Es war noch nicht einmal elf Uhr, und er fühlte sich schon bereit für den Mittagschlaf.
So kräftezehrend die Zeit seit der Geburt gewesen waren, er wollte sie trotzdem nicht missen. Es war eine unbeschreibliche Mischung aus Stolz, Faszination und Aufregung gewesen. Er war von der ersten Minute an Zeuge davon, wie sich ein neues Leben entwickelte. Wie ein Neugeborenes, das anfangs kaum mehr als die Augen öffnen konnte, von Tag zu Tag ein bisschen aktiver wurde. Die Tatsache, dass es Caros und sein Kind war, setzte dem Ganzen natürlich die Krone auf. S