2 Diagnostik und Komorbiditäten
2.1 Klinische Diagnostik der Borderline-Störung
In der modernen Diagnostik sind standardisierte Verfahren unverzichtbar geworden. Die klinische Einschätzung aufgrund einer unstrukturierten Interaktion zwischen Untersucher und Patient ist wegen systematischer Urteilsfehler anfällig für Verzerrungen, sodass es hierbei leicht zu Fehldiagnosen und zu geringen Übereinstimmungen mehrerer Diagnostiker kommt. Peter Fiedler spricht in seinen Seminaren immer von der Fehlerquelle der „Bauchdiagnostik“. Standardisierte psychodiagnostische Verfahren sind in der Regel objektiver, reliabler und valider, was zu einer besseren Übereinstimmung verschiedener Untersuchungsergebnisse führt (Goldbeck& Stieglitz, 2009). Dies gilt natürlich uneingeschränkt für Persönlichkeitsstörungen und somit auch für die Borderline-Persönlichkeitsstörung und ist sicherlich Grundlage vieler Diskussionen um Widersprüche in den Ergebnissen verschiedener Untersuchungen. Gleichzeitig ist festzuhalten, dass es relativ wenige Erhebungsinstrumente zur Diagnostik von Persönlichkeitsstörungsmerkmalen im Kindes- und Jugendalter gibt (Krischer, Sevecke, Döpfner& Lehm kuhl, 2006). Sie werden im Folgenden vorgestellt.
2.1.1 Instrumente zur Diagnosestellung
Hervorzuheben ist dasInternational Personality Disorder Examination Instrument (IPDE, Mombour et al., 1996), das als Einziges von der WHO zur Diagnose von Persönlichkeitsstörungen anerkannt ist. Dazu existiert im deutschsprachigen Bereich ein auf dem Interview basierender Fragebogen (Inventar zur Erfassung von Persönlichkeitsmerkmalen und -störungen, IPMS, Berner, Benninghoven, Genau& Lehmkuhl, 1998). Die Anwendbarkeit des NEO-5-Faktoren-Inventars (NEO-FFI) konnte wiederholt bei Jugendlichen ab dem Alter von 16 Jahren nachgewiesen werden (Borkenau& Ostendorf, 1993). Andere Autoren geben einem QSort-Verfahren zur Befra gung von Klinikern und Psychotherapeuten zur Einschätzung von Persönlichkeits merkmalen bei Jugendlichen den Vorrang. Das nach Cloninger, Przybeck, Svrakic und Wetzel (1994) entwickelteJunior Temperament- und Charakterinventar (JTCI, Schmeck, Meyenburg& Poustka, 2009) kann offiziell ab dem Alter von zwölf Jahren verwendet werden. Ein Selbstbeurteilungsfragebogen zur Erfassung von Persönlichkeitsdimensionen (Dimensional Assessment of Personality Pathology, Livesley& Jackson, 2001) wird in seiner Anwendbarkeit für das Jugendalter derzeit in einer Studie untersucht. Fragebögen auf der Basis des Temperamentsmodells wie dasChildhood Behavior Questionnaire oder dasInventory of Child Individual Differences können von Eltern, Lehrern und anderen Bezugspersonen für Kinder in jüngeren Alters stufen (drei bis zwölf Jahren) verwendet werden. Es wird deutlich, dass die meisten Instru mente nicht spezifisch sind, sodass am Ende sinnvollerweise nur der IPDE einzusetzen ist. Allerdings ist zu beachten, dass die deutsche Version sich auf die ICD-10-Kriterien und nicht auf die DSM-Kriterien bezieht. Der Fragebogen ist ab ca. 14 Jahren einsetzbar, fragt 6 Lebensbereiche ab, und erst nach Ende des Interviews wird eine Diagnose erfasst. Der Bereich „Arbeit“ muss für einige Jugendliche durch den Begriff „Schule“ ersetzt werden, dennoch bleiben die Ergebnisse valide.
2.1.2 Instrumente zur Quantifizierung der Symptomatik
Neben der eigentlichen Diagnose ist es natürlich auch notwendig, die Ausprägung der verschiedenen Symptome zu erfassen. Instrumente zur Quantifizierung der Symptomatik, d. h. zur Schweregradbestimmung, sind erst in jüngster Zeit erschienen: Zanarini publizierte eine DSM-basierte Fremdrating-Skala mit dem Titel „Zanarini Rating Scale for Borderline Personality Disorder“(ZAN-SCALE) (Zanarini, 2003; Zanarini, Frankenburg, Hennen& Silk, 2003). Arntz und Mitarbeiter entwickelten den „Borderline Personality Disorder Severity Index“ (BPDSI; Arntz et al., 2003) und veröffentlichten erste sehr erfreuliche Prä-Post-Messungen. Bohus und Mitarbeit