: Elisabeth Marienhagen
: Jahre des Aufbruchs
: dp Verlag
: 9783968170374
: Die Winzerfrauen-Reihe
: 1
: CHF 5.40
:
: Historische Romane und Erzählungen
: German

Das Schicksal einer jungen Frau in Zeiten des Aufbruchs
Die fesselnde Familiensaga für Fans von Corinna Bomann beginnt

1914, kurz vor Beginn des ersten Weltkrieges: Schon als Mädchen schwärmt die unscheinbare Winzertochter Magdalena für den angehenden Ingenieur Matthias. Aber ihre Zuneigung bleibt unerwidert. Noch bevor er in den Krieg eingezogen wird, feiert er mit einer eleganten Frau aus der Stadt Verlobung. Als Magdalena von ihren Brüdern erfährt, dass Matthias nur selten Feldpost von seiner Verlobten erhält, schreibt sie ihm unverhofft– und ein reger Briefwechsel entsteht, der sie durch die schweren Kriegsjahre begleitet. Im Lauf der Zeit wächst Magdalena zu einer schönen jungen Frau heran und erbt das Weingut ihrer Eltern. Zwischen Matthias und ihr sind längst tiefe Gefühle emporgekeimt, doch er fühlt sich seiner Verlobten verpflichtet… Wird das Schicksal die beiden Liebenden noch zusammenführen?


„Ein bewegender historischer Roman mit fesselnder Geschichte. Ich konnte das Buch nicht mehr weglegen.“
„Elisabeth Marienhagen schafft es, die Stimmung der Zeit perfekt einzufangen. Absolut lesenswert!“
„mitreißend, stimmungsvoll und einfühlsam erzählt“
„berührender und gut recherchierter Liebesroman mit tollem Setting“



Elisabeth Marienhagen wurde 1961 in Zweibrücken geboren. Ihr Interesse am Erzählen eigener Geschichten erwachte früh und sie fand in ihrer Familie geduldige Zuhörer. Nach dem Abitur studierte sie in Erlangen und arbeitete eine Zeit lang am Institut für Geschichte der Medizin. Inzwischen lebt sie mit Mann und einem Teil ihrer vier Kindern in einer Stadtrandgemeinde von Regensburg. Die Autorin schreibt in diversen Genres. Seit Herbst 2016 vertritt Alisha Bionda von der Agentur Ashera ihre Werke.

Magdalena


31. Dezember 1913

Wasser plätscherte. Ein Bach glitzerte im Sonnenschein, Schmetterlinge flatterten um Magdalena herum und raschelnde Zweige wisperten ihren Namen. Anfangs leise.

„Lenchen, aufstehen!“

Verschlafen öffnete sie ihre Lider.

„Wird’s bald!“ Die mahnende Stimme der Magd, mit der Magdalena die Kammer teilte, riss sie endgültig aus ihrem Traum. Gähnend schlug sie das dicke Federbett zur Seite und fuhr mit ihren bestrumpften Füßen in die Filzpantoffeln. Ihre Großmutter hatte trotz ihrer schlechten Augen bis zuletzt unermüdlich gesponnen, gestrickt oder Wolle gewalkt. Jeden Morgen war Magdalena ihr im Nachhinein dafür dankbar, sonst würden ihr glatt die Zehen abfrieren, so kalt war es in dem unbeheizten Raum. Hastig stieg sie in den wadenlangen, dunkelbraunen Wollrock, schloss den Knopf am Bündchen und streifte ihre Strickjacke über. Im Schlafzeug nach unten oder gar raus auf den Hof rennen, wo jemand von der Straße sie hätte sehen können, war für ein Mädchen von fast fünfzehn streng verboten.

„Guten Morgen, Berta.“ Die mollige Magd war im Lauf der letzten vier Jahre so etwas wie eine Wahlschwester für sie geworden.

„Guden Morjen, Lenchen. Ausgeschlofn?“ Mit nacktem Oberkörper stand Berta im Zimmer vor dem Waschtisch und seifte sich die Achseln ein.

„Wie denn? Kaum sind die Augen zugefallen, heißt es auch schon raus aus den Federn.“ Magdalena eilte zu der Tür der kleinen Kammer, öffnete sie einen Spalt und lugte hinaus auf den Gang. Zum Glück war kein männliches Wesen in Sicht, das einen Blick auf Bertas blanke Brüste erhaschen konnte.

Magdalena schlüpfte aus dem Zimmer hinaus in den Flur. Fest drückte sie gegen das Türblatt, lauschte auf das Einrasten des Schlosses und die Geräusche im Haus. Die Mutter hatte gewiss schon Feuer im Ofen gemacht und würde das Frühstück vorbereiten, während der Vater mit den beiden Knechten Pferde und Vieh versorgte.

In der Schlafkammer ihrer beiden älteren Brüder rumorte es auch. Da tappte einer bereits durch das Zimmer. Sie hörte ein herzhaftes Gähnen. Rasch lief Magdalena die Stufen hinunter. Auf dem oberen Treppenabsatz stand der Eimer, der vor allem im Winter heiß begehrt war, weil keiner bei Minusgraden hinaus auf den Lokus gehen wollte.

Ein Anflug von Neid auf die reichen Verwandten in Trier erfasste Magdalena. Von einem derartigen Luxus wie einer Wassertoilette mit Spülkasten konnte sie nur träumen. Oh, was für eine Wonne wäre das! Einfach an der Kette des Spülkastens ziehen und alles Lästige verschwand in der Kanalisation. Bei ihnen gab es stattdessen den Misthaufen mit dem Toilettenhäuschen daneben und den Eimer auf dem Treppenabsatz.

Heiner, ihr jüngerer Bruder, würde sie vorlassen. Während Lorenz, der ältere … Schon quietschte oben die Türangel. Rasch raffte sie Rock und Nachtgewand am Saum bis zu den Knien hoch und lüftete den Deckel des Eimers. Puh, wie das stank. Reinschauen würde sie nicht, schlimm genug, dass sie ihn nachher leeren musste. Jemand polterte die Stufen hinunter und drängte sie rüde zur Seite.

„Weg da!“, schnauzte Lorenz sie an.

„Aber ich war zuerst hier!“

„Ja und.“ Breitbeinig und grinsend stand Lorenz da.

„Du Orsch!“, brach es zornig aus ihr heraus und in einer Sprache, die er verstand.

Er lachte nur. Gegen ihn hatte Magdalena keine Chance, das wusste sie aus bitterer Erfahrung. Er würde mit Absicht trödeln. Wütend drängte sie an ihrem dummen Bruder vorbei, lief die Holztreppe hinab und sah ihre Mutter an dem Emailleherd werkeln. Großmutter Frieda hatte gleich daneben auf dem offenen Feuer gekocht. Töpfe am Dreibein oder zum Wärmen der Speisen mit Haken an die Ketten gehängt, die vom großen Kamin herabhingen. Nach ihrem Tod überlegten Magdalenas Eltern, die Mauern der alten Kochstelle abzureißen und die große gusseiserne Takenplatte, die darüber hing, wegzumachen. Früher hatte sie die Wand vor Fettspritzern bewahrt und zudem Wärme an die dahinter liegende Stube weitergeleitet. Sie war das Reich ihrer Großmutter gewesen. Doch seit das offene Feuer erloschen war, hatte die große Eisenplatte keinen Nutzen mehr. Hübsch wie ein Bild sah sie aber aus mit den üppigen eingearbeiteten Verzierungen und gusseisernen Girlanden.

„Guten Morgen, Mama.“