: Ursel Sickendiek
: Feministische Beratung: Diversität und soziale Ungleichheit in Beratungstheorie und -praxis
: dgvt Verlag
: 9783871594182
: 1
: CHF 14.40
:
: Psychologie
: German
: 188
: DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Seit mehr als 40 Jahren gibt es für Frauen feministische Beratungsstellen, die im Zuge der zweiten Frauenbewegung gegründet wurden. Bei fortdauernden gesellschaftskritischen Grundpositionen haben sich die Theoriebezüge der Beratung seitdem gewandelt. Auch die Praxisansätze wurden immer wieder befragt und in innerfeministischen Debatten um zentrale Orientierungen reflektiert. Diversität unter Frauen und die verschiedenen Dimensionen sozialer und intersektionaler Ungleichheit gehen mit konzeptionellen Herausforderungen für Beratung einher. Es ist ein Anliegen dieses Buches, verschiedene Herangehensweisen sowie ihre gesellschaftspolitischen Positionen aufzufächern und in ihrer Vielseitigkeit zu beleuchten. Der Band versammelt hierzu Beiträge aus verschiedenen Jahren und ermöglicht somit einen Überblick über die gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen von 'Verschiedensein' in der Beratung sowie über die damit verbundenen wissenschaftlichen Debatten und Konzepte. Dabei legt die Autorin ihren Schwerpunkt neben psychosozialer Beratung/Counselling auch auf Bildungs- und berufliche Beratung/Career Counselling für Frauen. Das Buch plädiert dafür, psychosoziale und berufliche Beratung stärker als bisher und unter feministischer Perspektive miteinander zu verknüpfen, um den differenten Lebenswirklichkeiten von Frauen gerecht zu werden.

Dr. Ursel Sickendiek ist Diplom-Pädagogin, leitet die Zentrale Studienberatung der Universität Bielefeld und beschäftigt sich seit Langem mit allgemeinen Beratungstheorien, feministischer Beratung, Laufbahnberatung und Diversität in der Beratung.

Kapitel 2
Feministische Beratung1


1. Feminismus und Frauenrechte


Der Feminismus ist eine politische Orientierung, die patriarchale Gesellschaftsstrukturen und die Dominanz des männlichen Geschlechts in Frage stellt und sich für die Gleichstellung von Frauen und Männern einsetzt. Die Vorstellungen über mögliche Wege zu diesem Ziel sind vielfältig und teilweise kontrovers. Feministisches Denken findet sich in Politik, Wissenschaft und sozialer Praxis. Auch wenn im vierten Jahrzehnt nach Beginn der Zweiten Frauenbewegung der Verweis auf Geschlechterungleichheit oftmals als „alter Hut“ empfunden wird, ist doch festzuhalten, daß viele feministische Erfolge fragil sind, z. T. Rückschläge nicht ausbleiben und in vielen Bereichen nur langsam Fortschritte erzielt werden. Vor allem im Privatleben dauern ungleiche Lastenverteilungen zuungunsten von Frauen an und tausende Frauen werden weltweit täglich Opfer der Gewalttätigkeit von männlichen Angehörigen. Somit ist eher eine Weiterentwicklung feministischer Bestrebungen angezeigt als ein Rückzug.

Meine Ausführungen streben nicht danach, objektiv Axiome sowie Pros und Contras feministischer Beratung aufzulisten oder aus einer kühlen Metaperspektive „das“ feministische Konzept festzuschreiben. Feministische Beratung wird (1) parteilich, d. h. „pro-feministisch“ und damit in Anwendung eines ihr originären Prinzips dargestellt und (2) mit der Absicht referiert, die Kernthemen der vielgestaltigen feministischen Beratungspraxis und -diskussion auszuführen und dabei die internen Debatten zu berücksichtigen.

2. Feministische psychosoziale Arbeit und Sozialarbeit


Frauen und Mädchen finden heute in vielerlei Settings Beratung. Sie stellen 60 bis 70 % der KlientInnen des psychosozialen Versorgungssystems. In den meisten allgemeinen Beratungsstellen treffen weibliche Ratsuchende inzwischen BeraterInnen, die sich mit feministischen Fragen auseinandergesetzt haben und für weibliche Problemkontexte sensibel sind. Daneben finden sie spezifische Beratungsangebote: Psychologische Frauenberatungsstellen, Beratung für Opfer häuslicher Gewalt oder Notruftelefone für Opfer von Vergewaltigung, Frauenbildungszentren mit berufsbezogenen Beratungsangeboten etc. Frauenberatung bewegt sich zwischen den Polen der mehr oder weniger traditionellen Beratungsvorstellungen mit „frauenfreundlichem“ Charakter einerseits und explizit feministischen Einrichtungen andererseits.

So bunt wie die Palette feministischer psychosozialer Praxis heute ist, so vielfältig sind auch ihre Konzepte. Begriffe von Feminismus sind keineswegs einheitlich, aber über eine Reihe von Prinzipien, die sich z. T. aus politischen Diskursen der Frauenbewegung, z. T. aus der Frauenforschung und feministischen Erkenntnistheorie und z. T. aus Praxiserfahrungen in Projekten speisen, lässt sich eine kurze Bestandsaufnahme und Ideengeschichte zeichnen. Für die ersten Frauenprojekte in den 70er Jahren wurden inhaltliche Grundlegungen aus Gesellschaftsdiagnosen und soziologischem Wissen um Geschlechterverhältnisse abgeleitet. Dabei standen geschlechtsspezifische Sozialisation und aus marxistischer Analyse die Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern mit der ideologischen Verpflichtung der Frau auf unbezahlte Reproduktionsarbeit im Mittelpunkt, mit einer Politisierung der „privaten“ Ausbeutungs- und Gewaltverhältnisse in Ehe und Familie. Feministische Projekte arbeiteten wesentlich an Bewußtseinsbildung und Aufklärung von Frauen, an der Förderung von Zusammenschlüssen, Initiativen etc. In den 80er Jahren ist eine Hinwendung zu psychologischen und psychotherapeutischen Konzepten von psychosozialer Arbeit festzustellen (Fröschl, 2001). Eine Weiterentwicklung im Kampf gegen Frauendiskriminierung schien erforderlich, z. T. weil die soziologischen Perspektiven der 70er Jahre, wenn auch nach wie vor gültig, schwer in psychosoziale und sozialpädagogische Praxis umsetzbar waren. Auch zeigten sich bei den ProtagonistInnen, die sich in der Sozialarbeit politisch engagiert hatten, verständliche Ermüdungserscheinungen und Er