MENGELE KOMMT
»Und die sieben Engel mit den sieben Posaunen hatten sich gerüstet zu posaunen. Und der erste Engel posaunte; und es ward ein Hagel und Feuer, mit Blut gemengt, und fiel auf die Erde...«
Die Offenbarung des Johannes 8, 6-7
Im Konzentrationslager kam man meistens in der Nacht an. Wir mussten aus den Eisenbahnwagen aussteigen, standen auf einer Rampe – und schon wurden die Frauen von den Männern getrennt. Alle wurden von SS-Leuten vorwärts getrieben. Zur Seite brannten mehrere große Feuer. »Es werden wohl, aus hygienischen Gründen, die Kleider verbrannt«, dachten wir damals beim Anblick der Krematorien. Es war ziemlich dunkel auf der Rampe, man verlor leicht seine Angehörigen im großen Tumult, es ging alles sehr rasch vor sich, und man wurde ständig nur immer vorwärtsgejagt. Nach einigen Minuten hielt die Kolonne an einem beleuchteten Ort. Dort saß ein hoher, elegant und sauber gekleideter junger SS-Offizier, ein gutaussehender Mann, mit dunklen, vor sich hinstarrenden Augen und zusammengepressten Lippen, in aufrechter, etwas steifer Haltung, und dirigierte mit seinem rechten Zeigefinger die Vorbeigehenden einmal nach rechts, einmal nach links – die meisten nach links. Ich wurde mit wenigen anderen nach rechts kommandiert, unser Weg führte ins Bad; die anderen verloren wir aus den Augen. – So war die Ankunft. Wir wussten nicht, dass Dr. med. Mengele, der junge SS-Mann, der gelangweilt dort gesessen hatte, mit seinem Zeigefinger die Kandidaten für die Gaskammern nach links geschickt hatte.
Die Liquidierung der Häftlinge war in den Konzentrationslagern den SS-Ärzten übertragen. Ihre Aufgabe beschränkte sich auf zwei Dinge: einmal auf die sofortige Vernichtung der großen Masse der Ankommenden, bestehend in erster Linie aus Kindern und älteren Leuten, schwangeren Frauen und Kranken; diesem Zwecke dienten in den letzten Jahren des deutschen Konzentrationslagerbetriebes und in den technisch ausgebauten Lagern die Gaskammern und Krematorien; zum anderen bestand die ärztliche Tätigkeit dieser SS-Offiziere in der weiteren Ausrottung derjenigen, die durch das erste Sieb durchgeschlüpft waren. Dieses zweite Vernichtungssystem innerhalb des Lagers baute sich wieder auf zwei Faktoren auf: auf den schlechten Lebensbedingungen, dem Fehlen von ausreichender Nahrung und Kleidung und auf dem gegenseitigen Kampf ums Dasein der Häftlinge. Die prekären Lebensbedingungen haben ihrerseits schon sehr viel zur Schaffung einer Kampfsituation, durch die fast unmögliche Erreichbarkeit der seltenen Güter, beigetragen. Dieser Kampf wurde von seiten der SS-Leute nicht nur in keiner Weise eingeschränkt, sondern entschieden unterstützt, im besten Falle wohlwollend geduldet. Im Lager waren diesseits des elektrisch geladenen Stacheldrahtes größte soziale Unterschiede zu finden. Zwar war den SS-Leuten gegenüber jeder Häftling nicht mehr als irgendein Schlachtvieh – oder eher weniger –, untereinander bestand eine raffiniert ausgebaute Hierarchie, deren Spitzen häufig wechselten. Es gab innerhalb des Lagers Stellungen, wie die des Lagerältesten, die fast unbeschränkte Macht bedeuteten, ferner vorzügliches Essen, elegante – in gewissen Fällen nach eigenem Geschmack verfertigte – Kleider, Alkohol, Frauen auf Schleichwegen. Diese Stellungen währten solange, als die SS-Leute nicht unzufrieden wurden, das Lager nicht aufgelöst wurde und die Intrigen von Seiten anderer Häftlinge nicht zum Erfolg führten. Eine ähnliche Stellung wie die des Lagerältesten hatten die Kapos (Abkürzung von Kameradschaftspolizei! ). Meistens waren sie mit Stöcken bewaffnet. Sie waren die Stützen der inneren Ordnung im Lager, ihre Dienste nahm