Opas Karamellbonbons
Nelson Mareng sitzt in Opas Gartenschaukel auf dem Sternwartenhügel in Hummelberg. Um ihn herum summen die Insekten, und die Spätsommerblumen verströmen einen herrlichen Duft. Die Schaukel ist eine recht wackelige Angelegenheit: Eigentlich besteht sie nur aus einem Sofa mit Stoffdach, das in der Luft hängt und knarrend vor- und zurückschwingt.
Hier im Schatten ist es herrlich, denkt Nelson. Obwohl es schon mitten am Tag ist, hat er immer noch den Schlafanzug an. Neben ihm liegen eine Flasche Saft und einige Ausgaben von Opas LieblingszeitschriftSpektakuläre Wissenschaft. Nelson schaut sich gern Bilder von weit entfernten Sternen und furchterregenden Urzeit-Tieren an. Gerade kann er sich allerdings überhaupt nicht konzentrieren. Noch nicht einmal auf das Foto einer Anakonda, die sich mit einem Krokodil anlegt, oder das eines Planeten, der von einem schwarzen Loch geschluckt wird. Das Einzige, woran Nelson denken kann, ist das riesige Blech mit frischen Karamellbonbons im Wintergarten. Er stellt sich vor, wie es sich anfühlt, die Zähne in klebriges Karamell zu versenken, und schon füllt sich sein ganzer Mund mit Sehnsucht.
An Mama denkt Nelson auch. Daran, was sie gesagt hat. Dass es wichtig ist, zu warten, bis man »bitte sehr« hört, und dass man lieb sein und nichts ohne Erlaubnis nehmen soll.
In der Garage klappert Opa mit Werkzeug und Metallteilen. Er baut an etwas, das er Sternenschleuder nennt. Nelson weiß nicht, was eine Sternenschleuder ist. Fragen will er aber auch nicht, denn dann besteht die Gefahr, dass Opa so lange redet, dass Nelson Hunger bekommt oder zur Toilette muss, bevor Opa mit der Erklärung fertig ist.
Opa hebt eine riesige Glaskugel hoch. Sie sieht schwer aus. Als Opa sie hochhebt, schafft er es nicht, seine langen Beine durchzudrücken, sondern zittert wie eine Spinne im Sturm. Nelson findet, dass Opa wie der Überlebende eines Schiffbruchs aussieht. InSpektakuläre Wissenschaft hat Nelson Bilder von einem Mann gesehen, der mehrere Jahre auf einer einsamen Insel gelebt und dort Larven und jede Menge Kokosnüsse gegessen hat. Der Mann war dünn, hatte lange Haare und einen zottigen Bart. Opa gleicht ihm aufs Haar.
Hier bei Opa kann man wirklich nie wissen, wann es das nächste Mal etwas zu essen gibt, denkt Nelson. Deshalb kann es nicht schaden, ein paar Karamellbonbons zu lutschen, wenn sie schon einmal da sind. Das ist wichtig für den Blutzuckerspiegel, sagt Mama immer. Nelson überlegt, was wichtiger ist: der Blutzucker oder nichts ohne Erlaubnis zu nehmen? Dann fällt ihm ein, dass Mama auch immer sagt, wie müde man werden kann, wenn das Blut keinen Zucker hat. Ganz müde und schwach.
Nelson gleitet vorsichtig von der Schaukel und schleicht über den warmen Rasen. Sicher kann es nicht schaden, sich die Karamellbonbons etwas genauer anzuschauen, denkt er.
Die Tür zum Wintergarten steht offen. Nelson schnuppert. Es duftet leicht nach Zucker, Butter und Sahne. Als er den Fuß aufsetzt, knarrt der Boden im Wintergarten. Opa bemerkt nichts. Er ist immer noch mit der Glaskugel beschäftigt. Als sich Nelson zum Tisch mit dem Blech darauf schleicht, knarrt