Kapitel 1
Hundehoroskop
Der weiße Kittel passte tadellos. Wie erst gestern ausgezogen. Beim Aufwachen hatte Trixie sich diesen Moment vorgestellt und überlegt, ob sie sich darin verkleidet fühlen würde. Meine Damen und Herren: Beatrix Vogelsang inDie Tierarzthelferin, Applaus! Aber ihre Finger schlossen die Knöpfe über ihrem Shirt und krempelten die Ärmel so gedankenlos um, als hätte sie keine zwei Jahre Pause in der Praxis gemacht, als wäre ihr Mann PeFe noch da und würde jeden Moment zur Tür hereinkommen und sagen: »Na, Herzensmaus? Wieder ein wunderbarer Tag in diesen bröckeligen heiligen Hallen?«
Trixie atmete tief durch und dachte daran, wie das früher gewesen war, bevor PeFe, der eigentlich Peter Ferdinand hieß, den Autounfall gehabt hatte und sie diese Räume nicht mehr betreten wollte oder besser nicht mehr betreten konnte. Monatelang schnürte es ihr jedes Mal die Luft ab, wenn sie sich auch nur ausmalte, den Schlüssel ins Schloss zu stecken und mit der Hüfte gegen den Holzrahmen zu stoßen, bis die Glaseinsätze leise klirrten, damit die verzogene Tür nachgab. Die alte Praxis ohne PeFe war eigentlich undenkbar. Sie, Trixie, war ohne PeFe eigentlich undenkbar. Aber irgendwann hatte sie sich berappelt und eine Anzeige geschaltet, dass sie einen neuen Tierarzt suchte, denn das Leben musste weitergehen, auch wenn sie nicht wirklich einen Plan hatte, wie das klappen sollte.
Sie betrachtete sich in dem kleinen Spiegel, der an der Tür des Behandlungszimmers hing, und wunderte sich, dass man ihr die schweren zwei Jahre, die hinter ihr lagen, kaum anmerkte. Ihre großen braunen Augen mit den Lachfältchen glänzten. Um die etwas zu kleine Nase tanzten selbst jetzt im Winter Sommersprossen, die ihr bei einer erwachsenen Frau immer etwas albern vorkamen, aber PeFe hatte sie hinreißend gefunden und jede einzelne geküsst, wenn sie in seinen Armen gelegen hatte. Ihre langen, widerspenstigen goldbraunen Locken waren zu zwei Zöpfen geflochten und am Hinterkopf festgesteckt, das war einfach die praktischste Frisur für die Arbeit mit Tieren. Nur ihre Jeans spannte stärker über ihrem runden Po. Zu viel Eiscreme während zu vieler Horrorfilme. Als PeFe noch bei ihr war, hatten sie die torkelnden Plastikmonster, gescheitelten Kettensägenmörder und schlecht geschminkten Vampire zusammen gesehen und sich die Eispackungen geteilt, jetzt löffelte sie die allein aus. Sie löffelte jetzt alles allein aus.
Trixie schloss kurz die Augen und schnaufte. Keine traurigen Gedanken heute. Neuer Tierarzt, neues Glück.
Die letzte Ärztin, Frau Doktor Mone Windhoff, die nur aushilfsweise einige Monate hier gewesen war, hatte sich in der alten Kiez-Praxis mit den historischen Gerätschaften, den skurrilen Kunden und den Tapeten, die sich von zwei Kanten rollten, nie zu Hause gefühlt. Sie verfolgte wohl höhere Ziele und