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Regensburg, Mittwoch, den 31. Dezember 1947
BEHUTSAMSTECKTENORA den Nagellackpinsel zurück in das Fläschchen, um die frisch lackierten Fingernägel nicht zu ruinieren, und drehte es ordentlich zu. Anschließend streckte sie beide Hände aus und betrachtete ihr Werk; das warme Rot sah richtig schick aus, sogar ein bisschen verwegen.
»Jetzt bloß nichts anfassen, sonst machst du Kratzer in den Lack«, mahnte ihre Freundin Hedi. »Richtig trocken ist er nämlich erst nach zwanzig Minuten. Kannst ein bisschen pusten, dann geht es schneller.«
Vorsichtig pustete Nora über den glänzenden Lack. Es waren die ersten roten Nägel ihres Lebens, für den ersten Ball ihres Lebens. Wenn ihr Vater davon erführe, würde er sie trotz ihrer knapp zwanzig Jahre vermutlich in den Keller sperren wie ein kleines Mädchen und erst an Heiligdreikönig wieder rauslassen. Doch weder er noch die Mutter hatten den leisesten Schimmer, wo sie um Mitternacht tanzen würde. Sie hatte glaubwürdig genug von einer geplanten Silvesterfeier bei Hedi geschwärmt und schließlich die Erlaubnis bekommen, der Freundin schon am Nachmittag bei den Vorbereitungen zu helfen und bis ein Uhr morgens zu bleiben.
»Ich kann es kaum erwarten, bis wir endlich losgehen«, sagte Nora zehn Minuten später. Sie war ganz zappelig vor Ungeduld und gleichzeitig so aufgeregt wie als Kind zu Weihnachten, als noch Spielsachen unterm Christbaum lagen und nicht nur nützliche Kleidungsstücke wie in den letzten Kriegsjahren. Als ihr Vater keine Ansprachen von Hitler im Radio versäumt und bei jeder Mahlzeit mit großer Bewunderung über den Führer gesprochen hatte, bevor der und seine Gefolgschaft die Welt in Schutt und Asche gelegt hatten.
»Ich würde am liebsten sofort losgehen, aber es ist erst vier Uhr nachmittags, es dauert also noch«, riss Hedi sie aus ihren Gedanken. »Teste mal mit der Zungenspitze an einem Nagel, ob es ein wenig brennt. Wenn nicht, ist der Lack trocken. Hat mir eine unserer Köchinnen verraten, die früher mal Kosmetikerin war.«
Nora legte die Zunge vorsichtig auf den Daumennagel. »Brennt nicht«, verkündete sie und sah die Freundin erwartungsvoll an.
Hedi deutete auf den Schrank mit dem eingelassenen Spiegel in der Tür, in dem ihre Kleider auf Holzbügeln hingen.
»Wie wär’s mit einer Generalprobe? Wenn irgendwas nicht passt oder sitzt, hätten wir noch genug Zeit, um es zu ändern.«
Nora stimmte begeistert zu. Nachdem sie sich umgezogen und der Freundin bei dem rückwärtigen Reißverschluss geholfen hatte, betrachtete sie sich in dem blank geputzten Kristallspiegel. Er reflektierte zwei Mädchen, die ungleicher nicht hätten sein können. Ihre dunkelhaarige Freundin mit dem runden Gesicht, den braunen Augen, dem lasziv geschwungenen Mund, der ein wenig zu stark geschminkt war, trug ein Kleid aus moosgrünem Taft, das sich um ihre üppigen Kurven schmiegte. Neben der aufreizend wirkenden Hedi empfand sich Nora oft als etwas unscheinbar. Doch das neue Kleid aus dunkelblauem Brokat mit dem engen Oberteil, der schmalen Taille und dem weit schwingenden Rock betonte vorteilhaft ihre zierliche Figur. Die Seitenpartien ihres goldblonden Haars hatte sie mit Kämmen hochgesteckt; der Rest fiel in weichen Wellen auf ihre Schultern. Die dichten getuschten Wimpern betonten ihre veilchenblauen Augen, und auf den Lippen schimmerte ein sanftes Rot, passend zu den Nägeln.
»Ich finde, wir sehen wie Filmstars aus«, sagte Hedi und kommandierte: »Umdrehen, Nähte kontrollieren.«
Nora drehte sich bereitwillig