April
Der Schweiß perlte Emil von der Stirn.
Kein verdienter Schweiß, würde sein Vater sagen. In Gustav Tiedemanns Augen durfte man ins Schwitzen geraten, wenn man die Geschäftsbücher seines Unternehmens durchging – umso mehr, wenn dieses rote Zahlen schrieb. Auch wenn man über die Ländereien ritt, die zu seinem Landgut gehört hatten und die er irgendwann verloren hatte. Und natürlich floss Schweiß in Strömen, wenn man für das Vaterland kämpfte. Emils Bruder Gustav junior war in den Schützengräben des Großen Krieges aber wohl eher schlammverschmiert als schweißüberströmt gewesen. Und als er von einer Granate zerfetzt worden war, war Blut gespritzt.
Ein ehrenvoller Tod, hatte ihr Vater dazu gesagt. Ein ehrenvolles Leben wiederum war keines, das man am Reck zubrachte.
Emil führte dennoch blitzschnell seine Übungen aus. Felgaufschwung, Kippe, Riesenfelge, Kontragrätsche. Er spürte, wie sein Trikot feucht wurde.
»Wann hast du endlich genug?«, rief ihm ein Kollege von der Deutschen Turnerschaft zu.
Emil hielt nicht inne. Hüftaufschwung, Umschwung, Vorschwung, Salto rückwärts. Er spürte einen sachten Schmerz in der Schulter, ignorierte ihn. Es war erst genug, wenn es unerträglich wehtat.
Zumindest diese Haltung hatte Gustav Tiedemann geschätzt, ein weiterer seiner Grundsätze lautete, dass ein jeder Opfer zu bringen hätte. Wobei das, was sein Vater als eigenes Opfer bezeichnete, in Wahrheit bloß eine Ausrede war.
Dass sein Unternehmen nach dem Großen Krieg nicht mehr auf die Beine kam, war in Gustav Tiedemanns Augen immer die Schuld der anderen, nie seine eigene gewesen. Was soll ich denn tun? Deutschland hat seine überseeischen Besitzungen eingebüßt. Was soll ich denn tun? So viele Schiffe gingen als Teil der Reparationszahlungen verloren. Was soll ich denn tun? Die Währung ist so instabil, ich habe keine andere Wahl, als unseren Landbesitz zu verkaufen.
Emil wusste durchaus, was sein Vater hätte tun können. Gelenkiger werden. Gelenkig wie er, der die Bewegungsabläufe am Reck im Blut hatte. Gelenkig wie Jan Meissner, der größte Rivale seines Vaters im Kaffeehandel. Gewiss, Meissner würde am Reck hängen wie ein Hörnchen, aber er war geschäftstüchtig wie kein Zweiter. Ähnlich wie Gustav Tiedemann war er reich geworden, indem er eine Handelsniederlassung an der Mündung des Kamerunflusses gegründet hatte, von dort Kautschuk und Palmöl, später Kaffee importiert hatte. Dieser Kaffee war in Hamburg geröstet, in Tüten verpackt, per Versand samt Zuckerhüten an Hunderte von Haushalten geliefert worden.
Emil machte erneut einen Salto rückwärts vom Reck, fühlte einmal mehr einen sachten Schmerz in der Schulter, kam dennoch mit beiden Beinen auf.
Jan Meissner war nach dem Krieg nicht mit beiden Beinen aufgekommen, er war gestürzt wie alle anderen Kaffeehändler, aber als einer der wenigen hatte er sich wieder aufgerappelt, hatte sich sozusagen erneut aufs Reck geschwungen. Aus dem Welthafen Hamburg war ein Häfchen geworden. Na und? Kaffeelieferungen aus Kamerun waren nicht mehr zu bewerkstelligen, was zählte das schon? Er stellte ein Gemisch aus Zichorien, Getreide, Zuckerrübe und Feigen her und pries dieses Gesöff, das viel bitterer als Kaffee schmeckte, nur ähnlich schwarz war, als Delikatesse an. Und die Hamburger, die während des Krieges weitaus Grässlicheres geschluckt hatten, hatten sich zwar nicht an deren Geschmack erfreut, allerdings am goldenen Firmenlogo, das Erinnerungen an die guten alten Zeiten beschwor. Sie verzichteten sogar auf die Zuckerhüte. Jan Meissner musste bald auf nichts mehr verzichten. Er behielt sein Kontorhaus in der Innenstadt mit der Fassade aus glasiertem Backstein und dem mannshohen Keramikelefanten neben der Eingangstür nicht nur – er vergrößerte es um ein Stockwerk.
Gustav Tiedemann hatte seines dagegen schließen und auch die Statue des bronzenen Stammeskriegers mit Lendenschurz, Speer und Schild, die bei ihm den Eingang bewachte, aufgeben müssen. Als Kind hatte Emil Angst vor diesem Krieger gehabt, später hatte er fa